Die Beamten des Regierungspräsidiums nahmen eine glasklare Botschaft aus Hohenlohe mit nach Stuttgart: Jene Bürger, die Bedenken gegen die geplante 110-Kilovolt-Stromleitung von Kupferzell nach Rot am See bei der für das Projekt zuständigen Behörde einspeisten, lehnen stählerne Masten in der Landschaft vehement ab und fordern ein unsichtbares Erdkabel.

Im „Forum“ in Rot am See befasste sich das Regierungspräsidium unter der Regie von Claudia Emslander und Andreas Drung einen ganzen Tag lang sowohl mit den behördlichen als auch den privaten Einwendungen und Anregungen zu dem Strom-Projekt.

Stellung dazu bezogen hauptsächlich Dr. Fred Oechsle von der ENBW-Tochter Netze BW und Thomas Finke vom Büro Lange in Moers, das im Auftrag des Energieunternehmens die möglichen Korridore für die Stromleitung quer durch Hohenlohe detailliert untersucht hat.

Von ursprünglich 18 Korridoren kamen für das Raumordnungsverfahren acht in die engere Wahl, die sich für Erdkabel als auch für Freileitungen oder eine Kombination aus beiden Verlegetechniken eignen. Das Umweltzentrum in Schwäbisch Hall kritisierte, dass ein über Satteldorf führender Korridor nicht mehr weiter verfolgt wurde.

Kupferzell/Rot am See

Die ENBW favorisiert zwei Wege: Zum einen eine Masten-Trasse namens F 3, die bei Orlach an die bestehende Leitung andockt und dann über das Jagsttal bei Langenburg hinweg südlich an Gerabronn vorbei das Brettachtal überquert und dann zum geplanten Umspannwerk bei Rot am See führt. Zum anderen würde die ENBW als Alternative einen Erdkabel-Korridor (E 2) bevorzugen, der fast auf derselben Route, aber in diesem Fall nördlich von Gerabronn verläuft.

Der Wunsch der ENBW bedeutet aber noch lange keinen „Befehl“ für das Regierungspräsidium: Aus den acht Korridoren wird die Behörde zwei möglichst raumverträgliche Routen für einen Freileitung und ein Erdkabel herausfiltern – als Empfehlung für das anschließende Planfeststellungsverfahren (siehe Info). Erst am Ende dieses Prozesses wird dann endgültig festgezurrt, welche Verlegetechnik auf welcher Trasse realisiert werden kann.

Dann wird es auch eine genaue Kostenberechnungen für die Stromleitung geben. Davon hängt ab, ob überhaupt eine unterirdische Lösung in Frage kommt. Denn ein Erdkabel darf laut gesetzlichen Vorgaben maximal nur um den Faktor 2,75 teurer sein als eine Freileitung – eine Regelung, die übrigens nicht für Höchstspannungsleitungen wie „Südlink“ gilt und was erklärt, warum für das Projekt in Bayern trotz exorbitanten Mehrkosten Erdkabel verwendet werden.

„Das wäre ein brutaler Eingriff“

Beim Erörterungstermin in Rot am See wurde eine ellenlange Liste mit Einwendungen und Bedenken abgearbeitet: Das Spektrum reichte von elektromagnetischer Strahlung und Gefahren für den Tiefflug der Bundeswehr bis hin zu befürchteten Umsatzeinbußen einer Schafskäserei und einer Gefährdung von Schwarzstörchen.

Zentraler Kritikpunkt waren aber die Folgen für das Landschaftsbild: Ein Bürger sprach zum Beispiel von einem „brutalen Eingriff in eine einmalige Landschaft“, wenn etwa das Jagsttal von Freileitungen überspannt werden würde.

Und auch auf der Ebene stoßen Strommasten offenbar auf denkbar wenig Gegenliebe, was 3700 Bürger bei einer Unterschriftenaktion der „Schutzgemeinschaft ländlicher Raum Hohenlohe“ bekundeten. Immerhin sollen die Korridore einen Abstand von mindestens 2000 Metern zu Baudenkmälern wie dem Langenburger Schloss einhalten.

Zweifel an Notwendigkeit

Überhaupt wurde von etlichen Bürgern die Notwendigkeit der Stromleitung stark in Zweifel gezogen. Die ENBW wiederum argumentierte auch in Rot am See mit der heillosen Überlastung des regionalen Stromnetzes angesichts der immensen Menge an Öko-Strom, die inzwischen in Hohenlohe per Fotovoltaik, Biogas und Windkraft produziert wird.

So lag 2018 im Umspannwerk in Obersteinach die eingespeiste Strommenge vier Mal höher als der Verbrauch. Nach Angaben der ENBW stehen derzeit geplante Anlagen in der Region mit einer Leistung von rund 63 Megawatt im Stau, weil sie nicht angeschlossen werden können. Allein 50 Megawatt entfallen hiervon auf Windkraft-Projekte – was eine Bürgerin so kommentierte: „Das heißt also, dass noch mehr Windräder und Fotovoltaik-Anlagen in der Hohenloher Landschaft stehen können, wenn die neue Stromleitung gebaut wird.“

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Spätestens bis Ende des Jahres will das Regierungspräsidium jeweils einen Korridor für eine Freileitung und eine Erdverkabelung empfehlen. Die Trassen werden dann nochmals detailliert auf ihre Eignung hin überprüft. Beim Planfeststellungsverfahren, das vermutlich im Jahr 2022 beginnt, können aber auch noch Alternativen ins Spiel kommen. Die ENBW rechnet damit, dass der Bau der Stromleitung im Jahr 2023 begonnen und frühestens im Jahr 2026 fertiggestellt wird. haz