Kreis Hall / Karen Emler  Uhr
Trotz guter Konjunktur haben die Gastwirte in Landgemeinden zu kämpfen. Ein Grund: die Gemeinschaftshäuser.

Im Bilderbuch sieht ein Dorf so aus: Um den Dorfplatz gruppieren sich Kirche und Rathaus, die Schule und das Wirtshaus. Auf den Straßen spielen Kinder, Ochsengespanne ziehen den Heuwagen. Die baulichen Strukturen sind in vielen Dörfern immer noch zu finden. Nur dass die Kirchen, die Schulen, die Rathäuser und die Wirtshäuser leer stehen, vereinzelt noch ein Auto durch den Ort fährt.

Am Beispiel der Kleinstadt Gaildorf lässt sich die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte exemplarisch verdeutlichen. Seit Mitte der 1980er-Jahre hat sich die Zahl der Wirtschaften um mehr als die Hälfte verringert. Die „Post-Krone“ etwa – einstmals auch von Bundespräsident Theodor „Papa“ Heuss als „erste Adresse am Platze“ geschätzt – ist im Jahr 1997 aus dem Stadtbild verschwunden. Zu hoch wäre damals für die Eigentümer der Aufwand gewesen, das stark sanierungsbedürftige Gebäude instand zu setzen. Zumal damals die billige Schnellgastronomie mit Riesenschritten der gutbürgerlichen Küche den Rang abzulaufen drohte.

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Diese Entwicklung hat Roswitha Gronemann, zwischen 1999 und 2018 Vorsitzende der Dehoga (Deutscher Hotel- und Gaststättenverband) im Kreis Schwäbisch Hall, miterlebt. „Wir haben heute mindestens 20 bis 25 Prozent weniger Gaststätten als vor 20 Jahren.“ Die Statistik belegt ihre Einschätzung: Gab es 2008 noch 446 Gastronomiebetriebe im Kreis Schwäbisch Hall, so waren es 2017 noch 378. Ein Minus von 68 Gasthöfen in nur zehn Jahren, ein Schwund von 15 Prozent.

Zahlreiche Gründe sind es, die Gastronomen die Freude am Beruf vergällen. In einer aktuellen Umfrage der Dehoga kritisieren die meisten die Bürokratie, die stetig wachsende Arbeitsbelastung der Inhaber, die sinkenden Erlöse. Fritz Engelhardt, Landesvorsitzender der Dehoga, sagt: „Die Ergebnisse der Umfrage sind ein Warnsignal.“ Vor allem die Betriebe in Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern hätten „hohen Problemdruck trotz der guten Konjunktur“.

In Städten geht noch was

Diese Situation spiegelt sich in der Gastronomiedichte im Kreis Hall wider. In den Städten ist die Auswahl noch gegeben. In Schwäbisch Hall kommen rund 3,2 Gaststätten auf 100 Einwohner, in Crailsheim sind es 3,08, in Gaildorf 2,63. So die Zahlen aus 2017. Die höchste Gastronomiedichte im Kreis besteht in Langenburg mit 4,41 Gastronomiebetrieben auf 1000 Bürger. Mau sieht es aus in Stimpfach: 2017 kamen 0,64 Gaststätten auf 100 Einwohner – konkret sind das zwei Stück. Ebenso in Sulzbach-Laufen, dort beträgt die Gastronomiedichte 0,8.

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Jedem Dorf sein Vereinsheim

Gronemann macht vor allem eine Ursache für diese Entwicklung verantwortlich: Als nach den Eingemeindungen in den 1970er-Jahren die Rathäuser und Schulen in den Teilorten leer standen, wurden diese zu Bürgerhäusern. Die Chöre probten fortan nicht mehr in den Sälen der Wirtschaften, der sonntägliche Frühschoppen oder der abendliche Stammtisch verlagerte sich in die Vereinsheime am Sportplatz. „Es war verfehlte Politik, in jedem Ort ein Bürgerhaus für gastronomische Zwecke einzurichten“, kritisiert die Hotelbetriebswirtin. „Da floss viel Geld in die Infrastruktur.“ Zudem fördere der Staat die nicht gewerbliche Gastronomie, indem Vereine hohe Steuerfreibeträge geltend machen können.

Thomas Botschek, Bürgermeister in Bühlerzell, schaut mit Sorge auf die Entwicklung. Was passiert, wenn für das derzeit ausgeschriebene erste Haus am Platz, für den Hirschen, kein Nachfolger gefunden wird? „Ohne Gastronomie gibt’s keinen Tourismus“, stellt Botschek fest. Wo sollen die Radfahrer auf dem Bühlertalradweg einkehren, wo die Feriengäste speisen, wenn in dem staatlich anerkannten Erholungsort eine hochwertige Gastronomie fehlt?

Was verliert ein Dorf, wenn die Lichter in der Kneipe ausgehen? „Wo die Wirtschaft stirbt, stirbt der Ort“, heißt es in einer Studie der Universität Eichstätt-Ingolstadt aus dem Jahr 2013. Denn die Dorfwirtschaft ist nicht nur der Platz, an den man zum Essen und Feiern geht. Das Miteinander in der Wirtschaft ist der soziale Kitt, der eine Dorfgemeinschaft zusammenhält. Somit sind die Wirtshäuser die Stützen der Heimat. Gronemann formuliert es so: „Das Dorf verliert einen Treffpunkt, zu dem ich hingehen kann, ohne dass ich Mitglied sein muss.“ Und auch in Zeiten der sozialen Medien gelte: „Unterhalten kann man sich besser, wenn man sich gegenübersitzt. Das ist eine wirkliche Begegnung. Am liebsten in einer schönen Gastronomie.“

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