Zeitgeschichte Krähen-Justiz“ fasst Mörder mit Samthandschuhen an

Brettheim / Harald Zigan 18.11.2017
Der Historiker Franz Josef Merkl zeichnet die skandalösen Nachkriegsprozesse um die Hinrichtungen 1945 in Brettheim nach.

Viele Brettheimer können es bis heute nicht fassen: In den Jahren von 1955 bis 1960 beschäftigten sich mehr als drei Dutzend Richter bei drei Strafprozessen mit dem Mord an drei Männern aus dem Dorf in der Landwehr – und sprachen den für die Hinrichtung von Friedrich Hanselmann, Leonhard Gackstatter und Leonhard Wolfmeyer am 10. April 1945 verantwortlichen SS-General Max Simon mit hanebüchenen Argumenten frei von jeder Schuld.

Der Historiker Dr. Franz Josef Merkl aus Augsburg zeichnete bei einem profunden Vortrag in Brettheim die haarsträubenden Details dieser Justiz-Skandale nach.

Von einem britischen Kriegsgericht im italienischen Padua (siehe Info) wurde Max Simon schon 1947 in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Der Kalte Krieg rettete ihn vor dem Galgen: Die Queen begnadigte den fanatischen Gefolgsmann von Hitler, der 1954 als freier Mann das Kriegsverbrecher-Gefängnis im westfälischen Werl verließ.

Die Justiz der jungen Bundesrepublik dagegen musste wie ein Hund zum Jagen getragen werden: Mehrere Versuche, den SS-General und seine beiden Untergebenen Friedrich Gottschalk und Ernst Otto auch für den tödlichen Terror in Brettheim zu belangen, scheiterten kläglich.

Tricksereien und Manipulationen

Erst durch den Druck von übergeordneten Instanzen kam es zu Gerichtsverhandlungen. Vor alten Parteigenossen auf der Richterbank wie dem Landgerichtsdirektor Andreas Schmidt beim ersten Prozess 1955 in Ansbach hatte der SS-General indes nichts zu befürchten – ganz im Gegenteil: Überaus verständnisvoll behandelten diese Juristen mit einst tiefbrauner Weste den Hauptangeklagten – was Franz Josef Merkl in Anlehnung an das bekannte Sprichwort als „Krähen-Justiz“ bezeichnete, die selbst vor Manipulationen und Tricksereien nicht zurückschreckte, um dem General und seinen beiden Offizieren einen Freispruch zu ermöglichen.

Derart umhegt, konnte Max Simon auch beim zweiten Prozess 1958 in Nürnberg nicht nur haltlose Lügen wie jene verbreiten, dass Spähtrupps „von der großen Masse der Brettheimer“ überfallen worden seien: Beim dritten Prozess 1960 in Ansbach schwadronierte der Massenmörder in SS-Uniform davon, dass „auf jedem sinkenden Schiff der Kapitän das Recht hat, die Matrosen auszumerzen, die den Trubel für ihre eigene Rettung missbrauchen.“ Und mit ohnmächtiger Wut hörten die Brettheimer 1960 bei einem Lokaltermin des Gerichts, wie Simons Verteidiger Rudolf Aschenauer an der Hinrichtungsstätte am Friedhof des Dorfes höhnte: „Ich jedenfalls finde es bedeutend reizvoller, an den Lindenbäumen von Brettheim aufgehängt zu werden als an den Fleischerhaken von Plötzensee.“ Zu einem vierten Prozess kam es nicht mehr: Max Simon starb 1961 an Herzversagen.

Mit dem Rechtsstaat gehadert

Zeitzeugen wie Fritz Braun bereicherten den Vortrag von Dr. Franz Josef Merkl mit ihren Berichten zu den Prozessen. Und Wilhelm Keitel bekannte frank und frei, dass er angesichts solcher Juristen 20 Jahre lang damit gehadert habe, die Bundesrepublik als Rechtsstaat anzuerkennen.

Angst und Schrecken in ganz Europa verbreitet

Die Blutspur des SS-Generals Max Simon, der schon 1935 und 1938 in die Ermordung von KZ-Häftlingen verstrickt war, zieht sich durch ganz Europa. In Italien etwa zeichnete er für die Erschießung von 540 Männer, Frauen und Kinder verantwortlich. Am Kriegsende 1945 wütete er nicht nur in Brettheim: In Gründelhardt ließ er zwei Soldaten hinrichten, in Leutershausen wurden zwei Soldaten erschossen, in Kaisheim erhängte die SS auf sein Geheiß drei Soldaten, und in Kössen in Tirol brachte es Simon fertig, einen Soldaten fünf Stunden nach der Kapitulation ermorden zu lassen. Erst kürzlich stieß Dr. Franz Josef Merkl auf einen weiteren Fall im bayerischen Pöttmes. haz