Langenburg Kolonie der Graureiher im Jagsttal durch Forstarbeiten vergrault - Landratsamt ist gelassen

Langenburg / ERWIN ZOLL 20.05.2015
Die Graureiher im Jagsttal haben eine 20 Horste umfassende Kolonie bei Unterregenbach aufgegeben, nachdem sie durch Forstarbeiten in der Nähe offensichtlich massiv gestört worden sind.

Für Wanderer und Radfahrer, selbst für Autofahrer waren sie im Jagsttal unterhalb von Langenburg ein vertrautes Bild: Graureiher, die in den Wiesen standen oder im Fluss nach Nahrung suchten. Dieses Bild hat seit dem vergangenen Frühjahr Seltenheitswert, denn die Schreitvögel haben ihre Horste verlassen, und niemand weiß, wo sie sich jetzt aufhalten.

In einem Fichtenwald auf dem westlichen Jagsttalhang wenige Hundert Meter südlich von Unterregenbach hatte sich in den vergangenen zehn Jahren eine stattliche Reiherkolonie entwickelt. Ursprünglich hatten die Tiere auf der berühmten Reiherhalde bei Morstein genistet, dann zwischen Hürden und Bächlingen, bevor sie nach Unterregenbach weitergezogen sind, berichtet Edith Pollanka vom Verein "Heimatvogelschutz Langenburg".

Lärm hat Tiere vergrault

Ein Beobachter hat bei Unterregenbach nicht weniger als 20 Horste gezählt, in denen 40 Reiher nisteten. Die Vögel haben Jahr für Jahr bis zu 60 Jungtiere aufgezogen. Mit dem lebhaften Treiben in den Wipfeln der Fichten ist jedoch Schluss. Im Februar hat ein Waldbesitzer auf einer Fläche in unmittelbarer Nachbarschaft zur Reiherkolonie eine Reihe von Bäumen gefällt. Nach HT-Information haben diese Arbeiten zwar nur eine Woche gedauert, aber die Aufarbeitung der gefällten Baumstämme und vor allem des Geästes - möglicherweise nicht nur durch den Waldbesitzer, sondern auch durch andere Personen - hat sich bis Mitte April hingezogen. Der Lärm, der dabei durch Motorsägen und Fahrzeuge entstanden ist, hat die unter Naturschutz stehenden Reiher vergrault. Ihre Horste sind seitdem leer.

"Das hätte nicht geschehen dürfen", erklärt Martin Zorzi vom Umweltzentrum Schwäbisch Hall zu dem Vorgang. Auf HT-Anfrage sagte Zorzi, da seien "mehrere Sicherungen durchgebrannt". Die Vergrämung der Reiher sei entweder auf Unwissen oder auf Ignoranz zurückzuführen, betonte der Diplom-Biologe, für den auch die Frage im Raum steht, ob eine strafbare Handlung vorliegt. In jedem Fall sei der Vorgang "gravierend".

Gelassener sieht es das Landratsamt Schwäbisch Hall, das sowohl als Naturschutzbehörde als auch als Forstverwaltung mit den Baumfällarbeiten befasst war. Die Durchforstung sei von der Forstverwaltung organisiert worden, wobei "erkennbare Naturschutzbelange" berücksichtigt worden seien. Die Maßnahme sei im Februar durchgeführt und abgeschlossen worden und habe eine Woche gedauert. In der benachbarten Graureiherkolonie sei nicht gearbeitet worden. "Durch den Abschluss der Maßnahme im Februar ist eine Beeinträchtigung des Reihers beim Brüten (Brutzeitraum März - April) nicht anzunehmen", heißt es in einer Stellungnahme des Landratsamts. Die Horstbäume seien nicht beeinträchtigt worden, da diese Fläche nicht bearbeitet worden sei. "Diese zulässige forstliche Maßnahme hat den Graureiher demnach nicht beeinträchtigt", schreibt die Kreisverwaltung.

Der Graureiher habe in den letzten Jahren deutlich im Bestand zugenommen, betont das Landratsamt. "Die belegten Kolonien wechseln dabei immer wieder", schreibt die Behörde.

Drei bis fünf Eier im Nest

Der Graureiher (ardea cinera), der auch als "Fischreiher" bezeichnet wird, ist ein in Europa, Asien und Afrika verbreiteter Vogel. Er lebt vor allem in der Nähe von fließenden und stehenden Gewässern, aber auch an Küsten und ernährt sich außer von Fischen von Mäusen und anderen kleinen Säugetieren sowie von größeren Insekten. Der Schreitvogel nistet in Kolonien in höheren Bäumen. Dort brütet er von März bis April drei bis fünf Eier aus. Die Jungen werden von den beiden Altvögeln gefüttert und verlassen nach sieben bis acht Wochen das Nest. Graureiher werden bis zu 90 Zentimeter groß und 1000 bis 3000 Gramm schwer.

ERZ

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