Tourismus Kirschen probieren in Kreßberg

Kreßberg / Jens Sitarek 06.07.2018
Die Gemeinde Kreßberg setzt schon länger ein Konzept um, „Streuobsterlebnis“ inklusive. Jetzt laden Bäume zum Probieren ein, einer steht in Leukershausen. Eine etwas andere Kostprobe.

Reinhold Kett hat ordentlich aufgetischt: Saft, Marmelade, eingemachte Früchte, Smoothie, Wein, Likör, Schnaps und natürlich die Fruchtgummis, die er vertreibt. „Was man alles aus diesen tollen Früchten machen kann!“, findet er. Alles Kirsche. Passend dazu gibt es eine Schüssel voll zum Probieren, frisch vom Baum. Vor sich auf dem Tisch hat Kett einen „Farbatlas Alte Obstsorten“ ausgebreitet.

„Ludwigs Frühe“ heißt die Sorte, um die es hier geht, benannt nach einer Baumschule namens Ludwig. „Ein guter Befruchter für andere Sauerkirschen“, heißt es im Atlas, und weiter: „Die früh reifende, hellrote Glaskirsche mit nicht färbendem Saft eignet sich vor allem für die Direktvermarktung und den Liebhaberanbau. Sie spielt heute im Erwerbsobstbau keine Rolle mehr.“

Das Konzept geht über die Sinne

Mit anderen Worten: Wenn es Leute wie Reinhold Kett nicht geben würde, würde es diese Kirsche wahrscheinlich auch nicht mehr lange geben. Der Baum, um den es geht, steht neben dem Backhäusle in Leukershausen, ein Schild weist ihn als „Kreßberger Probierbaum“ aus. Kett steckt sich eine Kirsche in den Mund. „Kirsche ist nicht gleich Kirsche“, sagt er, „das merken Sie auf der Zunge.“ Dann schmatzt er und reibt dazu seinen Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger hin und her.

„Wichtig ist, dass das Konzept über die Sinne geht“, sagt Kett. Mit den Gemeinden Fichtenau, Stimpfach und Frankenhardt rief Kreßberg einst das Tourismusprojekt „Wundergärten der Natur“ ins Leben. Kreßbergs Oberthema dabei: das „Streuobst­­­erlebnis“. Auf die Besucher warten unter anderem Exkursionen in die Natur, Streuobst-Wanderungen, sortenreine Apfelsäfte, Mostproben und jede Menge Infos über Tiere und Pflanzen.

Auf der einen Seite sollen Touristen angelockt werden, auf der anderen Seite soll sich die Pflege der Streuobstbestände wieder lohnen, etwa durch die Vermarktung von Säften. Nebenbei bleibt das Wissen um die hiesige Natur erhalten. Dann ist meist auch Reinhold Kett nicht weit.

Das Wort Ruhestand trifft auf den 69-Jährigen nicht zu, er engagiert sich in vielerlei Hinsicht. Auf das Streuobsterlebnis bezogen heißt das: „Ich bin der, der es lebt, der fuchtelt“, so formuliert es Kett. „Die Gemeinde unterstützt es.“ Im Berufsleben brachte es der Metzger bis zum Marktleiter eines großen Supermarktes.

„Das ist so eine wichtige Geschichte“, findet Kett, „mit der Natur leben, nicht gegen sie.“ Was es heißt, „regionale Stärke“ zu leben, kriegt er mit, wenn er auf Messen unterwegs ist. „Euch Hinterwäldler suchen wir. Bei euch wird nichts gespritzt“, bekam er mal auf der CMT in Stuttgart zu hören.

Aber die Sache ist die: „Wenn nichts überliefert werde, werde es vergessen“, sagt Kett, „und wenn etwas vergessen sei, dann sei es schwer wieder herzustellen.“ „Meine Großmutter hat mich geprägt“, betont er. Vom Schlachten bis zum Einmachen sei er dabei gewesen.

Bei den vielen jungen Leuten, die zu den Veranstaltungen nach Kreßberg kommen, merke er, dass die sich interessieren. Das sei auch bei seinen Enkeln nicht anders, fügt Kett hinzu, zwei von ihnen haben es besonders auf seinen Bulldog abgesehen. „Die kennen jeden Hebel.“ Oft fährt er mit ihnen raus, in die Natur.

Jeder darf probieren

In Kreßberg pflanzten sie nach der Flurneuordnung 40 Obstbäume und stellten 40 Bänke auf, die Bäume sollen Schatten spenden und die Bänke Lust aufs Verweilen machen. Einige dieser Bäume, in der Mehrzahl aber ältere, werden jetzt zu Probierbäumen. Alle 14 Tage möchte Kett einen solchen vorstellen. Kirsche, Pflaume, Zwetschge, Apfel, Birne. „Jeder darf probieren“, sagt Kett. Die Probierbäume stehen entlang des acht Kilometer langen Streuobstweges zwischen Leukershausen, Waidmannsberg, Wüstenau und Mariäkappel. Für die Leiter davor sorgt jeweils der Bauhof.

Der Probierbaum in Leukershausen ist der Anfang. Dass er irgendwie schon vorher angenommen wurde, sieht man daran, dass dort, wo man ohne Leiter rankommt, keine Kirschen mehr hängen. Vor dieser Sauerkirsche wollte Kett etwas anderes präsentieren: „Wir hatten schon eine Süßkirsche. Aber der Baum war leer, bevor ich reagieren konnte.“

Die Idee als solche ist sogar noch älter. Die Umsetzung habe sich in diesem Sommer angeboten, weil die Früchte „so gut“ seien. Außerdem werde er ja nicht jünger, sagt Kett. Derzeit denkt er darüber nach, die Bäume mit Infotafeln zu versehen. Vielleicht wird es in diesem Jahr noch was, ansonsten halt im nächsten.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel