Kirchberg / Sebastian Unbehauen  Uhr
Wer am Samstag die abertausend Buchrücken in Kirchberg durchforstet, dem hilft kein Google, sondern nur Geduld. Der Lohn: Entschleunigung und literarische Entdeckungen.

Angefangen hat alles vor 20 Jahren mit zwölf Ständen und einer Lesung des Stuttgarter Oberbürgermeisters Manfred Rommel. Am Samstag steht nun bereits die 21. Auflage des Kirchberger Büchermarkts an – mit 60 Ständen, großem Stammpublikum und – heute wie damals – mit Karin Osti: Die Rathaus-Mitarbeiterin ist für die Organisation der Veranstaltung zuständig. „Eine Herzensangelegenheit“ sei der Büchermarkt, sagt sie. Und deshalb geht sie jedes Mal wieder mit zehn neuen alten Büchern nach Hause, auch wenn sie sich vorgenommen hat: diesmal nicht. Wer stöbert, der findet eben.

Man könnte den Büchermarkt ja für aus der Zeit gefallen halten. Ein Vergoldermeister ist wieder da, ein Illustrator und Kalligraf, Abertausendfach liegen mal mehr, mal weniger vergilbte Seiten zwischen mal mehr, mal weniger abgegriffenen Buchdeckeln in Hunderten Kisten, die man nicht durchgoogeln kann, für deren Durchforstung es keinen Algorithmus gibt, wo genaues Hinsehen, geduldiges Lauern und beherztes Zupacken gefragt ist. Wo keine Displays glänzen und wo 100 Tausendseiter nicht auf einen Chip passen, sondern mühselig geschleppt werden müssen.

Das Museum Ulm sichtet seine Bestände und stellt fest: „Sachen gibt’s!“ Erkunden kann man sie in einer höchst lebendigen Ausstellung.

Kurzum: Ist es in Zeiten von E-Books, Tablets und Co. schwieriger, Händler für den Büchermarkt zu finden, Frau Osti? „Gar nicht. Der Markt wird sehr gut angenommen. Wir müssen immer wieder Händlern, die gern kommen würden, Absagen erteilen. Und die, die mal da waren, wollen zu 90 Prozent wiederkommen.“ Viele Familien und auch jede Menge Auswärtige kämen, sagt die Organisatorin. Sie schätzen die Entschleunigung und halten Ausschau nach Entdeckungen. Die wahren Schatzsucher kommen gleich in der Früh.

Zum Thema E-Books sagt Osti noch: „Die sind aus meiner Sicht eine Alternative, wenn man verreist. Aber ansonsten will ich persönlich nach wie vor Bücher auf Papier. Und meine Enkel wollen das übrigens auch.“ Hier deckt sich die persönliche Beobachtung durchaus mit Forschungsergebnissen. Laut einer Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest vom November 2018 zum Leseverhalten Jugendlicher setzen sich elek­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­-
t­­­­­­­­­­­ronische Bücher nicht großflächig durch. Nur sieben Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen greifen regelmäßig zum E-Book, 40 Prozent von ihnen nehmen aber mehrmals in der Woche ein gedrucktes Buch zur Hand. Also: Die Weltflucht auf Papier hat Zukunft, und damit auch der Büchermarkt.

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Das Programm am Samstag, 15. Juni

Der Kirchberger Büchermarkt in der historischen Altstadt ist von 10 bis 17 Uhr geöffnet. An 60 Ständen – etwa die Hälfte davon von professionellen Händlern, die andere Hälfte von Bürgern aufgebaut – darf nach Herzenslust gestöbert werden.

Papiermacher Johannes Follmer zeigt vor dem Rathaus beim Schauschöpfen sein Handwerk. Buchrestaurator Bernhard Gabert stellt handgetriebene Buchbeschläge her. Der Maler- und Vergoldermeister Manfred Breitmoser sowie der Illustrator und Kalligraf Norman Hosthum zeigen, wie Bücher vor der Erfindung des Buchdrucks in mühevoller Handarbeit hergestellt wurden.

Das Sandelsche Museum ist zum Büchermarkt geöffnet, gezeigt wird die Sonderausstellung „Dieter Oehm – Corpus Inexhaustus/Blickfelder“. Der Eintritt ist frei.

In der Stadtkirche finden zu jeder vollen Stunde besinnliche Lesungen statt. Um 12 und um 14 Uhr gibt es besinnliche Orgelspiele.

Verpflegung gibt es im Fürst-Ludwig-Haus sowie auf dem Marktgelände.

Der Autorenverband Franken lädt zur Verleihung des Schaeff-Scheefen-Literaturpreises um 17.30 Uhr im Rittersaal des Schlosses ein. Fünf Preisträger lesen Kurzgeschichten zum Thema „Jagdfieber in Franken“, das Publikum entscheidet.