Ilshofen Keine spritzigen Dialoge

Caroline Betz als Agnes und Folkert Dücker als der namenlose Freund sind die einzigen Personen im Stück von Peter Stamm. Pressefoto
Caroline Betz als Agnes und Folkert Dücker als der namenlose Freund sind die einzigen Personen im Stück von Peter Stamm. Pressefoto
CLAUDIA KERN-KALINKE 04.02.2014
Aus dem 1998 erschienenen Roman von Peter Stamm macht die Württembergische Landesbühne ein Zwei-Personen-Stück für junge Zuschauer. Vor allem sie spenden in Ilshofen am Ende Applaus.

"Ich probiere Geschichten an wie Kleider" lässt Max Frisch, der schweizerische Dramaturg und Erzähler (1911 bis 1991) seine Romanfigur Gantenbein sagen. Er skizziert mit wenigen Sätzen eindrucksvolle Situationen und entwirft ein ganzes Leben. Sein 1963 geborener Landsmann Peter Stamm eifert ihm nach und will noch einen Schritt weiter gehen: Einer lebenden Person eine Geschichte vorschreiben bis in den Tod und sehen, ob sie der Romanvorlage folgt.

Die Idee hat ihren Reiz, doch die Story bleibt in Alltagsbanalitäten stecken. Mit Agnes und ihrem namenlosen Freund finden sich zwei junge Menschen zusammen, die beide ein bis dahin ereignisloses Leben führen. Gemeinsam wird es auch nicht viel spannender. Nun soll er für Agnes eine Geschichte schreiben, "ihre Zukunft planen, wie ein Vater für seine Tochter".

Dramaturgin Katrin Enders gelingt es nicht, der Romanvorlage spritzige Dialoge für die Bühne zu entlocken. Abwechselnd mit Textpassagen in der Vergangenheitsform vorgetragen, bleiben die Gespräche hölzern. Die Darsteller Folkert Dücker und Caroline Betz üben sich in Liebesszenen, doch Leidenschaft hält Regisseurin Annette Dorothea Weber nicht für sie bereit. Das Bühnenbild von Julia Schiller mit einer weißen Wohnungseinrichtung ist symptomatisch für die Angst aller Schreibenden vor der leeren Seite. Gelegentlich werfen Videofilme von Kristina Handtrack ein Farbe auf die bleichen Kulissen.

In der Geschichte geht es damit weiter, dass Agnes abweichend von seinem Manuskript schwanger wird. Doch sie erleidet eine Fehlgeburt. Nun ergäbe sich die Chance, das ungeborene Wesen in der Phantasie weiterleben zu lassen. Es kommt aber nur zu einer krankhaften Anhäufung von Teddybären, bis Agnes glaubt, beim Spielsachenkauf merkwürdig angeschaut zu werden. Das Kind wird der Konvention geopfert.

Dem erfolglosen Romanautor, der bereits eine Andere hat, wird die Sache lästig: "Es musste ein Ende finden", tippt er in sein Laptop und lässt Agnes im verschneiten Wald erfrieren. Sie liest es heimlich und verschwindet.

Höhepunkt der Geschichte könnte sein, dass sie ihren einfallslosen Schreiberling verlassen hat, um endlich ein eigenständiges und interessantes Leben zu beginnen. Es bleibt der Phantasie des Publikums überlassen. Nach anderthalb Stunden ist es vor allem die große Zahl von Schülern in der Stadthalle, die der szenischen Darstellung ihrer Pflichtlektüre Applaus spenden. An allgemeinbildenden Gymnasien in Baden-Württemberg ist "Agnes" Sternchenthema.