INTERVIEW: "Wir begleiten die Kinder in Würde"

Wolfgang Hermann-Kautter leitet die Waldorfschule in Crailsheim.
Wolfgang Hermann-Kautter leitet die Waldorfschule in Crailsheim.
UTE SCHÄFER 26.11.2012
In der Crailsheimer Waldorfschule steht das Kind im Mittelpunkt. Das geht so weit, dass Wolfgang Hermann-Kautter nicht als Rektor fungiert, der über alles bestimmt, sondern "nur" Geschäftsführer ist.

HT: Wie kann man die Waldorfpädagogik in einem Wort beschreiben?

WOLFGANG HERMANN-KAUTTER: Das ist schwierig. Vielleicht ist unser Ziel am besten beschrieben in dem, was ich Eltern sage, die sich überlegen, uns ihr Kind anzuvertrauen. Ich sage: Ich kann Ihnen versprechen, dass wir Ihr Kind in Würde begleiten. Und wenn es die vielleicht anderswo verloren hat, kann ich versprechen, dass es sie bei uns wiederfindet. Anders ausgedrückt, wollen wir aus dem Kind das hervorbringen, was heraus will. Ein Beispiel: Nicht jedes Kind soll Geige lernen. Aber jedes soll die Möglichkeit haben zu erfahren, ob dieses Instrument das Richtige für ihn ist.

Aber auch der Waldorf-Unterricht selbst ist doch anders?

Es gibt viele Besonderheiten. Zum Beispiel den Klassenlehrer über acht Jahre hinweg. Den Epochenunterricht. Und die rhythmische Gliederung der Unterrichtsstunde.

Wie sieht denn eine solche Unterrichtsstunde aus?

Wir beginnen die Stunde mit einem rhythmischen Teil, der Lieder, Sprüche und rhythmische Spiele beinhalten kann. Dann kommt als Hauptteil der eigentliche Epochenstoff, in dem es zum Beispiel um Zahlenreihen oder Buchstaben geht. Als dritter Teil, als Erzählteil, könnte ein passendes Märchen oder eine Fabel stehen. Der Unterricht hat auch immer viel mit Bewegung zu tun. Das bringt einen zur Eurythmie - dieser, wenn man so will, speziellen Waldorf-Tanzart. Die Waldorfschüler werden ja oft auch belächelt als diejenigen, die ihren Namen tanzen können. Eurythmie ist natürlich mehr als nur das. Das wird deutlich, wenn man beobachtet, wie komplex etwa die Raumformen sind, die die Kinder bei der Eurythmie durchschreiten - gemeinsam durchschreiten übrigens, was auch die sozialen Fähigkeiten schult. Die moderne Gehirnforschung belegt ja, dass Bewegung und manuelle Tätigkeiten für die Entwicklung des Gehirns wichtig sind. Und was das BuchstabenTanzen angeht: Die Eurythmie weist den Buchstaben Bewegungen zu. Da ist das O eben geschlossen, das A geöffnet, ein harter Konsonant schroff. Die Kinder erfahren die Buchstaben so mit dem ganzen Körper, ganzheitlich. Wenn wir schon von Waldorf-Pädagogik reden, ist es vielleicht auch dieser ganzheitliche Aspekt, der in allem wichtig ist.

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