Die betäubungslose Ferkelkastration sollte eigentlich schon zum 1. Januar 2019 verboten werden. Die Übergangsfrist reichte aber nicht, um eine für alle taugliche Lösung zu finden. Schließlich wollen die Landwirte ein Verfahren, das sie möglichst wenig Zeit und Geld kostet. Denn der Markt ist für die deutschen Erzeuger nicht einfach, wie Thomas Wieser, Vorsitzender der Haller Schweineerzeuger, erläuterte: „Der Schweinefleischverzehr sinkt bei uns, während der Ferkelpreis existenzbedrohend niedrig ist und wir immer neue Umweltstandards und Tierwohlauflagen einhalten müssen.“ Zudem drängt ausländisches Schweinefleisch auf den deutschen Markt.

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, Ferkeln den schmerzhaften Schnitt zu ersparen: gar nicht schneiden oder den Schmerz bei der Operation ausschalten. Die erste Möglichkeit ist etwa in Großbritannien und Spanien verbreitet. Hier werden die Eber bereits geschlachtet, bevor sie den typischen Ebergeruch ausbilden und ihr Fleisch damit ungenießbar wird. Der unangenehme Geruch kann auch durch eine Impfung mit einem Hormon verhindert werden. Üblich ist das in Brasilien und Australien.

Erfahrungen mit Impfen und früh Schlachten

Marc Daniel Strecker aus Eckartshausen berichtete von guten Erfahrungen mit der Jung­ebermast. „Das ist halb so wild“, meinte er. Die Eber seien nicht aggressiver als Sauen, sie seien agiler, deshalb müsse man auf schwächere Tiere achten und sie rechtzeitig abtrennen.

Christian Hain aus Schirmbach impft seine männlichen Ferkel seit zwei Jahren. Er hat festgestellt, dass diese Tiere schneller wachsen als die Sauen. „Das gleicht die Mehrkosten für die Impfung aus“, meint der Landwirt. Zudem stellt er weniger Infektionen als bei kastrierten Ferkeln fest und braucht deshalb weniger Antibiotika. Beide Schweinezüchter vermarkten ihre Tiere über Edeka. Allerdings informiere Edeka die Öffentlichkeit weder über die Ebermast noch über den Einsatz des Impfstoffs Improvac, was die Schweineerzeuger kritisierten. Das Problem sei, dass zumindest der deutsche Verbraucher nur Fleisch von kastrierten Schweinen verlange und Fleisch von Ebern und hormonbehandelten Schweinen ablehne, so die einhellige Meinung der Landwirte. Damit bleibt nur die schmerzfreie Kastration.

Untersuchungen fehlen

Richard Färber aus Böhmenkirch arbeitet mit der Inhalationsnarkose, kombiniert mit Schmerzmitteln. „Das funktioniert problemlos, die Ferkel schlafen sicher und wachen nach dem Eingriff schnell wieder auf“, schildert er. Die Mehrkosten für die Geräte und den Tierarzt seien durch ein spezielles Edeka-Programm gedeckt. Ein Manko ist aber, dass noch unklar ist, ob das Gas den Anwendern schadet. Der Vorsitzende des Haller Bauernverbands kritisierte die Berufsgenossenschaft und die Sozialversicherungen wegen der fehlenden Untersuchungen dazu scharf.

Wenn das Betäubungsmittel in die Vene gespritzt wird, spricht man von Injektionsnarkose. Diese Methode verwendet Matthias Herrmann aus Blaubach. Ein Vorteil ist, dass dafür keine speziellen Geräte benötigt werden, doch wachen die Tiere erst nach bis zu zwei Stunden wieder auf und müssen solange überwacht werden. Außerdem darf nur der Tierarzt die Spritze setzen. Die Gasnarkose könnten die Landwirte später selber übernehmen.

Die meisten Landwirte und Tierärzte favorisieren aber die Kastration unter Lokalbetäubung („vierter Weg“) mit einem Mittel ähnlich dem, was Zahnärzte beim Menschen verwenden. Die Krux: Die Gesetzeslage erlaubt das nicht beim Schwein. „Leider ist der politische Wille heute stark gegen die Lokalanästhesie“, bedauerte Schweinetierarzt Dr. Marcel Kunz aus Tiefenbach. Ein Grund für den Widerstand ist, dass der Beweis für die Schmerzfreiheit durch lokale Betäubung nicht erbracht ist.

Auch Thomas Wieser befürwortet die lokale Betäubung: „Unsere Nachbarn Niederlande und die skandinavischen Staaten setzen sie ebenfalls ein, außerdem ist sie kostengünstig. Dann hätten wir Wettbewerbsgleichheit.“

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So ist die Situation in anderen Ländern


In Dänemark, Schweden und Norwegen muss das Schwein vor der Kastration örtlich betäubt werden. Weltweit allein steht die Schweiz, wo Ferkel nur unter Vollnarkose kastriert werden dürfen.

Vorreiter bei der Impfung gegen die Geschlechtsreife sind Australien und Brasilien.

Die Jungebermast ohne Kastration ist in Großbritannien, Irland, Portugal, Spanien und den Niederlanden verbreitet. Der asiatische Markt lehnt Fleisch von unkastrierten Schweinen weitgehend ab. siba