Dichter mit Parkinson Im Schreiben plötzlich leicht wie eine Feder

Thomas Schneider mit seinem Gedichtband.
Thomas Schneider mit seinem Gedichtband. © Foto: Sebastian Unbehauen
Kirchberg/Jagst / Sebastian Unbehauen 16.08.2018
Thomas Schneider aus Kirchberg hat Parkinson. Schreiben ist für ihn Therapie. Jetzt hat er seinen zweiten Gedichtband veröffentlicht.

Dieses Gedicht mag Thomas Schneider besonders gern, es heißt „Federleicht“:

Heut Nacht da hatt’ ich einen Traum, / ich schwebte einfach so dahin / und ich bemerkte dabei kaum, / wie leicht ich doch geworden bin.

Ich fühlte mich wie eine Feder, / die wirbelnd sich im Wind bewegt, / in seinem Leben hat wohl jeder / schon einmal diesen Traum gehegt. / So federleicht mich fortbewegend flog ich, / gemütlich wie ich fand, / und kam dabei in eine Gegend, / die ich bislang noch nicht gekannt. (Fortsetzung folgt)

Federleicht ist das Leben des 67-Jährigen nur noch im Traum und beim Dichten. Der Alltag ist erdenschwer und wird zunehmend schwerer, seit die Diagnose Parkinson vor elf Jahren alles veränderte. Die Nervenzellen funken nicht mehr wie sie sollen, der Körper macht nicht mehr, was Schneider will. Früher, da hat er es geliebt, Fußball zu spielen, hat als Jugendlicher gar von einer Profikarriere geträumt. Früher, da fuhr er gerne regelmäßig in die Berge. Jetzt sagt er: „Ich war schon zehn Jahre nicht mehr im Urlaub.“ Seine Reisen unternimmt er heute meist in der Fantasie.

Es war das Land der bunten Falter / mit ausgedehnten Blumenwiesen, / wo ohne Sorgen um das Alter / alle ihr Leben nur genießen. / Dort hab ich erst mal haltgemacht / – das Fliegen strengt doch etwas an – / als eine Biene sich gedacht, dass sie mich mal bestäuben kann.

Kam mit dem Stachel mir zu nah / – vielleicht war ich zu ungeschickt  – / obwohl das etwas schmerzhaft war, / bin kurz darauf ich eingenickt. (Fortsetzung folgt)

Schneider widmet sich der Poesie wie einem Beruf. Er setzt sich jeden Tag zu festen Zeiten an seinen Schreibtisch und lässt den Gedanken freien Lauf. „Das gibt meinem Alltag Struktur“, sagt er. „Ich würde es als Therapie bezeichnen.“ Eine sehr produktive Therapie: Ziel ist ein Gedicht pro Tag, wobei er das nicht immer schafft. Aber rund 700 lyrische Werke sind in den vergangenen vier Jahren zusammengekommen, sauber in Schnellheftern abgelegt. Daraus hat Schneider sich bedient, als er im vergangenen Jahr den Band „Mit dem Vers auf Du und Du“ zusammenstellte, und auch jetzt für sein neues Buch „Wenn Reime Kinder kriegen“.

Aus dem Titel spricht sein Anspruch, die lyrische Ahnenreihe so lang wie möglich fortzuführen, weiterzumachen, immer weiter, der Krankheit zu trotzen, mit einem Gedichtband pro Jahr. Der nächste ist schon in Arbeit: „An den Strophen sich zu Strophen schwingen“ soll er heißen.

Aus Schneiders Zeilen spricht eine Heiterkeit, die unerschütterlich wirkt, was sicherlich an seinen Vorbildern liegt: Busch, Roth, Kästner, Tucholsky, Ringelnatz, Morgenstern. Im Heiteren freilich liegt die Nachdenklichkeit verborgen und hinter dem Heiteren steht ein Autor, der bekennt: „Ich bin inzwischen sicher ein ernster, nachdenklicher, melancholischer Mensch. Aber auch schwere Themen wie Tod, Ewigkeit und Gott kann man mit leichter Ironie besser behandeln, finde ich.“

Die Liebe zur Poesie und zum Spiel mit der deutschen Sprache, darüber hinaus auch zur Musik, hat Schneider von seiner Mutter mit auf den Weg bekommen. Der gebürtige Heidelberger, der rund 30 Jahre an der Kirchberger Schloss-Schule Deutsch und Geografie unterrichtet hat, telefonierte bis zu ihrem Tod jeden Abend mit seiner Mutter und las ihr ein Gedicht vor.

Als ich dann wieder aufgewacht, / fand ich zunächst mich nicht zurecht, / um mich herum war dunkle Nacht, / war das noch Traum oder schon echt?

 

Die Leichtigkeit, die war verflogen, / ich lag im Bett, war wieder schwer, / das Traumgebilde war zerstoben, / ich träumt’ ihm nur noch hinterher. (Ende)

Schneider weiß, dass Lyrik bei Lesern nicht hoch im Kurs steht. „Vielleicht haben die Menschen in unserer Schnelllebigkeit einfach zu wenig Zeit, in Gefühle zu investieren“, vermutet er. Der Autor hängt also nicht der Illusion an, einen Bestseller zu landen und mit Gedichten Geld zu verdienen. Aber er möchte auch nicht für den Schnellhefter und die Schublade schreiben. Schneider hat sich vorgenommen, dieses Mal vielleicht sogar ein paar Lesungen zu machen. Das wäre ein echter Kraftakt, aber es könnte sich lohnen.

Info Der Gedichtband „Wenn Reime Kinder kriegen“ von Thomas Schneider (Book on Demand) hat rund 150 Seiten und ist im Buchhandel erhältlich.

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