Blaufelden Abnehmen mit Hypnose auf Hohenlohisch

Auf Vorträgen erklärt der Wiesenbacher Sven Utz anschaulich, wie Hypnose funktioniert.
Auf Vorträgen erklärt der Wiesenbacher Sven Utz anschaulich, wie Hypnose funktioniert. © Foto: Sabine Franz
Blaufelden / Sabine Franz 11.08.2018
Der Wiesenbacher Sven Utz will seinen Kunden helfen, sich Laster abzugewöhnen, Ängste zu bewältigen und Kilos zu verlieren – als Folge eines tiefenentspannten Trance-Zustands. Ein Selbstversuch.

Spinnenphobie? Zigarettensucht? Stress bei der Arbeit? In Wiesenbach gibt es seit zweieinhalb Jahren einen Hypnotiseur, der Hilfestellung bietet. Wer sein Büro betritt, wundert sich vielleicht erst einmal. Weit und breit ist keine Couch zu sehen. „Die Hypnose findet im Sitzen statt“, erklärt Sven Utz. Dafür stehen bequeme Kunstleder-Stühle bereit.

Für mich war Hypnose immer wie das Ungeheuer von Loch Ness. Faszinierend, ein bisschen angsteinflößend und womöglich nur eine Täuschung. Allerdings beteuern zwei meiner Bekannten, sich damit erfolgreich von ihren Lastern befreit zu haben: Rauchen und Süßigkeitensucht. Utz bietet mir an, Hypnose einmal auszuprobieren. Ich bezweifle, dass ich geeignet bin, weil ich ungern die Kontrolle abgebe. Aber gut. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!

Utz ist 38 Jahre alt, zweifacher Vater und arbeitet hauptberuflich als Programmierer bei einem Spezialmaschinenbauer. Der Wiesenbacher ist ein lebensfroher, bodenständiger Typ, der gerne abends mit der Familie oder Freunden zusammensitzt. Versetzt er dann gelegentlich die Runde unbemerkt in Trance? Wie die Schlange Kaa im Dschungelbuch, die mit bunt flackernden Augen Mogli betört: „Sink nur in tiefen Schlummer...“ Nein, keine Sorge! „Es funktioniert nur, wenn die Person es wirklich will“, verspricht Utz. Niemand findet sich als gackerndes Huhn auf dem Boden wieder – außer der Proband erlaubt es von vornherein. Aber von Show-Hypnose distanziert sich der Wiesenbacher ausdrücklich. Vielmehr will er den Leuten helfen. Normalerweise genüge ein einziger Termin, der bei ihm etwa zwei Stunden dauert. Auf das Vorgespräch folgt die eigentliche Sitzung. Dafür verlangt er 200 Euro. Wenn die Person bereit sei, diese Summe zu investieren, sei der nötige Wille vorhanden, um die gewünschte Veränderung einzuleiten. „Mit Hypnose ist alles möglich, aber nichts garantiert“, sagt er. Seine Erfolgsquote bei der Rauchentwöhnung liege bei 90 Prozent.

Utz schaltet das Licht aus und lässt die Rollläden runter. „Keine Angst“, sagt er, lacht und bittet mich, einen Punkt zu fixieren. Dann soll ich die Augen abwechselnd öffnen und schließen. „Wenn ich deinen rechten Arm antipp‘, dann lass ihn ganz langsam nach unten sinken. Du kannst dich tiefer und tiefer entspannen.“ Sven Utz bemüht sich, hochdeutsch zu sprechen. Aber den hohenlohischen Akzent höre ich trotzdem heraus. Deshalb klingen seine Worte für mich sehr vertraut. Er steht neben mir, schnipst zwischendurch mit den Fingern und wippt leicht an meinen Schultern. Es folgen Atemübungen. „Lass den ganzen Stress, den du heute schon gehabt hast, einfach von dir abfallen. So ist’s gut.“ Ich soll nur noch auf ihn hören. „Alles was ich jetzt zu dir sage, kann sofort von deinem Unterbewusstsein ohne Zögern und Zweifeln umgesetzt werden. Wenn das okay ist, kannst du kurz nicken.“


Utz bringt den Probanden in einen tiefenentspannten Wachzustand. Er oder sie bekommt alles mit, was passiert. Es fühlt sich an wie kurz vor dem Einschlafen. Der Hypnotiseur formuliert Suggestionen, schickt die Person auf eine Art Traumreise. Er führt sie in Vergangenheit oder Zukunft und konfrontiert sie mit ihrem Problem. Bei der Raucherentwöhnung erinnert er an den ekelhaften Geschmack beim ersten Zug. „Aufgrund der extremen Entspannung kann das Unterbewusstsein Anweisungen und Bilder aufnehmen, die es später unbewusst verarbeiten kann“, schreibt er auf seiner Homepage. Der Trance-­Zustand dauert normal eine Dreiviertelstunde bis Stunde.

Wirkung selbst erfahren

Utz hat die Wirkung von Hypnose am eigenen Leib erfahren. Früher rauchte er gerne, seine Frau ebenso. Zum Wohle der geplanten Kinder wollten sie beide aufhören. Während es seiner Frau von heute auf morgen gelang, schob er den richtigen Zeitpunkt vor sich her. „Sobald du schwanger bist“, legte er sich fest. „Wenn die Beachparty vorbei ist“, war die nächste Ausrede. Nach der Muswiese hatte er es immer noch nicht gepackt. Seine letzte Hoffnung war Hypnose. Es klappte auf Anhieb. Nach 20 Jahren strich er Zigaretten komplett aus seinem Alltag. Weil er abends außerdem mit Fressattacken zu kämpfen hatte, schob er eine Sitzung hinterher. Utz verlor 20 Kilo.

Da keimte in ihm der Wunsch auf, anderen Leuten auf dieselbe Weise zu helfen. Er erkundigte sich nach einer Ausbildungsmöglichkeit und stieß auf Alexander Hartmann. Der Hypnotiseur war schon in Stefan Raabs Sendung „TV Total“ aufgetreten. Utz meldete sich bei ihm zum Seminar an und erlernte zunächst online über 23 Wochen lang die Theorie. In die praktische Anwendung wies ihn Hartmann in Stuttgart ein, im Kreise 19 weiterer Lernwilliger. Zum Abschluss erhielt er ein Zertifikat.

Versuchskaninchen war zuallererst seine Frau, dann folgten Verwandte und Bekannte. Am 1. Januar 2016 gründete er sein Kleinunternehmen mit dem Namen „The Change Project“, das sich an Leute richtet, die etwas verändern wollen.

Ich soll verschiedene Muskeln anspannen und wieder entspannen. Wohltuende Wärme macht sich in meinem Körper breit. „Was war das perfekte lustige Erlebnis? Beobachte die Szene.“ Er flüstert fast. Ich stelle mir einen Moment vor, in dem wir im Freundeskreis minutenlang herzhaft gelacht haben. Utz sagt: „Jetzt verstärkst du das Gefühl.“ Während ich den kleinen Finger und den Daumen aneinanderreibe, soll ich die positive Empfindung verzehn-, verzwanzig-, ja verdreißigfachen und sie wieder abflachen lassen – mehrmals hintereinander. Bei jeder Zahl schnipst er. Nun fordert er mich leise auf, in die Gegenwart zurückzukehren. „Wenn du mal schlecht gelaunt bist, setz‘ dich hin, mach‘ die Augen zu und reibe die beiden Finger aneinander. Dann spürst du das Gefühl wieder aufkommen. Das wird jetzt immer funktionieren“, behauptet der Hypnotiseur. Kurz darauf klebt er mich per Anweisung auf dem Stuhl fest. Ich bin verblüfft und muss lachen, während ich vergeblich versuche, mich von der Sitzfläche zu lösen. 

Um den Hohenlohern Hypnose nahezubringen, hält Utz auch Vorträge. Auf Wunsch kommt er zu den Menschen nach Hause, um zu erklären, wie’s funktioniert. Ein bisschen wie bei einem Tupperabend. Ganz wichtig ist ihm: „Ich gebe kein Heilversprechen, denn ich bin weder Therapeut noch Arzt. Aber ich kann den Leuten helfen, besser mit einer Situation klarzukommen.“ Damit meint er zum Beispiel den Moment, in dem die gefürchtete Spinne im Raum auftaucht.

Finger weg von den Bonbons

Seine bisherigen Fälle sind ganz verschieden. Er schildert, wie sich jemand mit seiner Unterstützung abgewöhnt hat, ständig in die Bonbonschüssel zu greifen. Eine andere Person habe ihre Flugangst in den Griff bekommen. „Rauchfreiheit und das Bewältigen von Versagensängsten sind momentan am gefragtesten. Betroffen sind auch viele junge Menschen“, offenbart er. Frauen seien leichter zu hypnotisieren, da sie nicht so viel hinterfragten. Viele sagten hinterher, es habe sich angefühlt wie ein Traum. Manche erinnerten sich nicht, dass sie mit ihm geredet hätten. Während der Hypnose reagierten manche mit Schweißausbrüchen oder Augenflattern. „Aufgewacht sind alle wieder“, versichert er.

Behutsam holt mich Utz eins – zwei – drei – vier – fünf aus der Trance zurück und sagt: „Hallo.“ Den tiefenentspannten Zustand hätte ich zwar gerne noch ein Weilchen genossen, aber jetzt fühle ich mich richtig erfrischt. Die zum Austesten nur rund zehnminütige Hypnose-Phase war eine spannende Erfahrung. Zu Hause auf dem Sofa reibe ich den kleinen Finger und den Daumen aneinander. Das Glücksgefühl durchflutet mich erneut. Es funktioniert.

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