Interview Humus erhöht Erntesicherheit

Ursula Richter 16.12.2017

Herr Schwarzer (Foto), Sie konstruieren in Ihrem jetzt preisgekrönten Buch „Die Humusrevolution“ eine Art magisches Dreieck zwischen Humus, Klimaveränderung und Ernährung. Was ist Humus eigentlich?

Stefan Schwarzer: Mit Humus ist gemeinhin die tote organische Substanz im Boden gemeint, die sich mit den mineralischen Teilen verbunden hat. Diese Substanz wird vor allem von der reichen Vielfalt an Bodenorganismen laufend in Auf-, Um- oder Abbau-Prozessen verändert.

Weshalb ist er so wichtig?

Humus ist wichtig für den Nährstoffhaushalt, da er Senke und Quelle für die Elemente ist, die die Pflanzen für ihr Wachstum und ihre Gesundheit benötigen. Er ist Speicher von Kohlenstoff, da Humus zu ungefähr 60 Prozent aus diesem besteht. Und Humus kann das bis zu 20-fache seines Eigengewichtes an Wasser festhalten.

Woher kommt seine Bedrohung?

In den letzten Jahrzehnten haben unsere Böden deutlich Humus verloren: Viele Äcker weisen Gehalte an organischer Substanz von nur noch 1 bis 1,5 Prozent auf und damit ein Drittel bis ein Fünftel der Menge, die ursprünglich im Boden war.

Was können wir tun?

Wir müssen zu einer konservierenden, am besten pfluglosen Bodenbearbeitung übergehen. Der Boden sollte außerdem ständig mit lebenden Pflanzen als Untersaat und Zwischenfrucht und Ernteresten bedeckt sein, die gleichzeitig den Boden schützen und das Bodenleben nähren. Statt mit chemischem Dünger sollte mit organischem dazu beigetragen werden, den Boden mit wichtigen Organismen zu impfen. Mischkulturen, Agroforstwirtschaft, ein besseres Wassermanagement und andere Methoden begünstigen nicht nur den Aufbau von Humus, sondern erhöhen gleichzeitig die Erntesicherheit in Zeiten des Klimawandels, fördern die Artenvielfalt und machen die Landwirte unabhängiger vom Handel.

Wie hängen Humusschwund und Klimaveränderung zusammen?

Wenn organische Substanz im Boden oxidiert, verbindet sich der Kohlenstoff mit Sauerstoff, entweicht als Kohenldioxid in die Atmosphäre und trägt dort als „Klimagas“ zum Klimawandel bei.

Wie kommt das Kohlendioxid wieder in den Boden?

Pflanzen bilden via Fotosynthese mittels Wasser und Kohlendioxid Kohlenhydrate – also Zucker. Zwischen 20 und 60 Prozent davon schicken sie über ihre Wurzeln in den Boden, um damit das Bodenleben zu nähren.

Wie weit ist die Lebensgemeinschaft Tempelhof?

Wie wir unsere Anbaumethoden ändern müssen, um das hohe Ziel einer ressourcenaufbauenden Landwirtschaft zu erreichen, ist ein beständiges In-Frage-Stellen und Forschen. Wir bewirtschaften knapp 25 Hektar landwirtschaftlicher und gärtnerischer Fläche.  Boden- und Humusaufbau ist ein zentrales Thema für uns, weshalb wir nur minimal den Boden bearbeiten, mit Untersaaten und Mischkulturen experimentieren, das Bodenleben durch Komposte und Fermente beimpfen. Erste Agroforststreifen sind gepflanzt, weitere folgen. Mehrjährige „Wildpflanzen“ erweitern unsere Gemüsepalette. Und: Permakultur ist auch ein wichtiger Ansatz in unserer Planung.