Ilshofen Holzbildhauer Thomas Hildenbrand kopiert lebensgroße Madonna in Ilshofen

Ilshofen / UTE SCHÄFER 10.08.2015
Holzbildhauer Thomas Hildenbrand kopiert derzeit in Ilshofen eine lebensgroße gotische Madonna. Er ist einer der bundesweit nur wenigen Holzbildhauer, denen das überhaupt gelingt.
Thomas Hildenbrand hat jede Menge Narben an den Händen – Berufsrisiko bei einem Holzbildhauer. Derzeit arbeitet er an einem ungewöhnlichen Werk, der Kopie einer lebensgroßen gotischen Madonna aus Frankfurt.

Frankfurt, zwischen Römer und Dom: Der Zweite Weltkrieg hinterließ hier eine Ruinenwüste. Derzeit werden die Straßenzüge rekonstruiert. Grundlage sind historische Fotos der alten Frankfurter Bürgerhäuser. Auf einem ist eine gotische Madonna zu sehen – eine lebensgroße Holzfigur mit Kind auf dem Arm. Auch sie soll wiedererstehen. Das ist dem Investor, der Dom Römer GmbH, die Sache wert. Und wie es der glückliche Zufall will: Die Holzmadonna hat den Krieg überlebt, weil sie schon Mitte des 19. Jahrhunderts durch eine Kopie ersetzt worden war. Das Original wanderte damals ins Museum und während des Kriegs ins geschützte Depot.

Nun wurde ein Spezialist gesucht, der eine solche Figur kopieren kann. Das ist nicht so einfach, denn in Deutschland gibt es davon nur eine knappe Handvoll. Einer ist Thomas Hildenbrand aus Oberaspach.

Holz und Kunst haben ihn gepackt

Bereits als Fünfjähriger stibitzte der kleine Thomas verbotenerweise das Küchenmesser seiner Mutter, denn der Berufswunsch war klar. Er wollte Schnitzer werden. Immer schon. „Aber ich hatte eigentlich überhaupt keine Ahnung. Meine Eltern sind Landwirte. Ich hab in meiner Jugend kein Museum von innen gesehen.“ Doch das Holz und die Kunst hatten ihn gepackt: „Ich stamme aus dem Odenwald, als Jugendlicher hab ich Fahrradtouren zu den Riemenschneider-Altären gemacht.“

Gegen große Proteste seiner Eltern, Lehrer und Freunde verließ er nach der mittleren Reife die Schule und begann eine Lehre an der Fachschule für Holzbildhauer in Oberammergau. Es folgten Zivildienst im Freilichtmuseum Wackershofen, danach Wanderjahre. Sie führten den Gesellen durch Deutschlands Museen, in denen er Holzplastiken reparierte oder kopierte. Auf der Walz wurde ihm klar: Sein Leben verlangte nach zwei Schwerpunkten. Einmal nach der handwerklichen Arbeit am Holz. Und zum anderen nach freier, künstlerischer Betätigung.

Es hat geklappt: Mittlerweile ist Hildenbrand 35 Jahre alt und ein gefragter Kopist historischer Holzfiguren – was die handwerkliche Seite abdeckt. Und außerdem ist er freier Bildhauer, wird von einer Galerie in Frankfurt vertreten und hat eine Reihe von Ausstellungen bestritten – im nächsten Jahr folgt eine beim Kunstverein Crailsheim.

Szenenwechsel: Ilshofen, Werkstatt von Restaurator Volker Immel. Hier steht sie nun, die Frankfurter Madonna, lebensgroß, über 500 Jahre alt. Zum Greifen nah und doch ganz fern. Die Figur ist gut erhalten, nur die Bemalung hat in den Jahren im Frankfurter Regen gelitten.

Dass sie hier steht, hat einen einfachen Grund: Sie hat ganz besondere Anforderungen an Klima und Sicherheit – was die Ilshofener Restauratorenwerkstatt von Volker Immel bieten kann.

Untermieterin auf Zeit

Denn das mit dem Raumklima ist so eine Sache: Die neue Madonna entsteht aus frisch geschlagenem – also nassem – Nussbaumholz. „Als der Holzblock hier aufgestellt wurde, ist innerhalb von wenigen Stunden die Raumfeuchte explodiert“, berichtet Immel, der sich über seine feine Untermieterin auf Zeit freut. Ohne seine Entfeuchtungsanlage wäre die Originalmadonna akut gefährdet.

Mittlerweile ist der grobe Holzblock behauen, die Stupsnase des Jesuskindes deutlich zu erkennen. Kein Wunder, spitzt sie doch vorwitzig nach vorn – und ist damit wichtige Orientierungsmarke beim Kopieren, erklärt Hildenbrand. Der Punkt an der Nasenspitze ist deshalb auch mit einem feinen Bleistiftkreuz markiert. Mit anderen Worten: Hier darf nichts mehr weggeschnitzt werden.

Die Methode, nach der Hildenbrand kopiert, ist uralt. Der roh gesägte Holzklotz und die Originalfigur werden sozusagen eingeordnet, also auf exakt die gleiche Höhe gestellt. Mit einem Messwerkzeug werden Punkte vom Original auf den Holzblock übertragen. Die am weitesten auskragenden Punkte bilden dann jeweils gedachte Flächen, die abgehauen werden, bis sich die Figur langsam aus dem Holz herausschält.

Dem Gesicht der Madonna widmet Hildenbrand natürlich besondere Aufmerksamkeit. Das des gotischen Originals ist nämlich leicht verzogen. „So etwas ist immer schwer zu kopieren“, sagt Hildenbrand. Ob er denn nie Lust hätte, die Fehler seiner Vorgänger zu verbessern? „Nein. Wenn ich kopiere, geht es rein ums Handwerkliche. Ich kann das gut trennen, vor allem, seitdem ich auch selbst frei arbeite.“
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