Vor einigen Tagen herrschte bei Marcus Meyer, Intendant des Hohenloher Kultursommers, zumindest noch ein bisschen Hoffnung. Dass es im Juni und Juli keine Konzerte geben werde, war da schon klar. Nun haben auch die Verantwortlichen entschieden, das Festival, das vom 6. Juni bis 27. September stattfinden sollte, abzusagen. Meyer spricht über die Hintergründe, finanzielle Herausforderungen und den Plan für 2021.

Großveranstaltungen sind bis Ende August verboten. Doch groß sind die meisten Säle des Kultursommers nicht. Warum dennoch die Absage?

Marcus Meyer: Leider gibt es immer noch keine Definition seitens der Landesregierung, was eine Großveranstaltung ist. Vermutlich wird kein Konzert des Kultursommers – bis auf das Musikfest Weikersheim – eine sein, dennoch haben wir entschieden, das Festival als Ganzes abzusagen. Nach derzeitigem Stand könnten weder die Künstler auftreten, noch die Gäste sich im Saal angemessen versammeln. Auch die Einreisesituation unserer internationalen Künstler ist unklar. Chöre und Orchester haben derzeit keine Möglichkeit, zu proben.

Welche Überlegungen haben zu der Entscheidung geführt?

An erster Stelle stehen der Schutz des Publikums und der Schutz aller Mitwirkenden. Dann haben wir auch sehr viele Kunden, die Karten für bis zu zehn oder gar mehr Veranstaltungen gebucht haben. Da wäre eine Rückabwicklung einzelner Karten sehr aufwendig. Mit der Komplettabsage haben wir eine klare Kommunikationslinie und können jetzt neu planen.

Es ist auch fraglich, ob das Publikum gekommen wäre, oder?

Ja, selbst bei behördlicher Erlaubnis wäre der Publikumszuspruch wohl eher verhalten, was auch verständlich ist. Und Abstands- und Hygieneregeln sind in unseren doch kleinen, historischen Räumlichkeiten nur schwer durchführbar.

Welche Schritte sind jetzt nötig?

Wir arbeiten gerade daran, für alle Konzerte einen Ersatztermin anzubieten. Einige wenige im Herbst/Winter, die meisten übertragen wir gleich auf die nächste Spielzeit. Das Termin- und Spielstättenpuzzle hat also wieder begonnen, das bedeutet viele E-Mails, viele Telefonate mit Künstlern und den Kooperationspartnern.

Und wie stehen da die Zeichen?

Momentan zeigt sich, dass wir sogar die analogen Termine anbieten können. Für das Eröffnungskonzert in Neuenstein und für weitere zehn Konzerte im Juni und Juli ist uns das bereits gelungen. Ebenso für das Musikfest Weikersheim. Das Programm „Europa! – musikalisch grenzenlos“ findet eins zu eins mit denselben Künstlern und Programmen nächstes Jahr am 3. Juli statt.

Warum planen Sie dennoch einzelne Konzerte für das Spätjahr?

Wir möchten für alle Konzerte einen Ersatztermin anbieten. Da aber bereits neue Konzerte für nächste Saison anberaumt und Zusagen getroffen wurden, müssen einige Veranstaltungen im Winter stattfinden. Einige Ensembles haben signalisiert, auch ein spezielles Winter- oder Weihnachtsprogramm anbieten zu wollen. Damit könnten wir neue Anreize bieten.

Zum Beispiel?

Ein Klavierkonzert im Festsaal in Schöntal vor dem Kamin ist in der kalten Jahreszeit sicherlich ein neues Erlebnis, vor allem nach der langen kulturellen Durststrecke. Aber da sind wir noch ganz am Anfang der Überlegungen.

Wie ist das Feedback der Künstler?

Alle sind kooperativ, ihnen gebührt großer Dank. Viele begrüßen unsere klare Entscheidung und unsere Verschiebungsstrategie auf nächstes Jahr. Das gibt auch ihnen Planungssicherheit. Was man nicht vergessen darf, ist, dass die verlorene Zeit für Musiker kaum aufzuholen ist. Ein ausgebuchter Künstler kann nicht plötzlich doppelt so oft spielen.

Nicht nur für die Künstler ist das eine Herausforderung. Was bedeutet der Ausfall finanziell für die Kulturstiftung und das Festival?

Das ist noch nicht abzuschätzen. Müssten wir alle Karten zurückerstatten, wäre wohl ein Liquiditätsproblem zu erwarten. Da wir Ersatztermine vereinbaren, können wir Ausfallforderungen abwenden oder minimieren, sodass sich unser Haushalt im Prinzip auf die nächste Spielzeit ausdehnt. GEMA und Künstlersozial­abgaben schieben sich auch auf die nächste Saison.

Bleiben noch die Fixkosten ...

Genau, Kosten wie der Druck des Programmheftes, Werbeausgaben und andere Fixkosten müssen gedeckt werden und kommen in der neuen Saison erneut auf uns zu. Daher hoffen wir auf die Unterstützung unserer Fördermitglieder und Sponsoren, die ihren Beitrag dennoch entrichten, um die Zukunft des Festivals zu sichern. Auch hoffen wir auf die Landesförderung in üblichem Umfang. Als Chance sehen wir, dass der Vorverkauf nicht stoppt.

Und wer bereits Karten gekauft hat?

Wir bereiten uns vor, alle Kunden über die Absage und die Ersatztermine individuell zu informieren. Bei Nachholterminen bleiben Tickets und Plätze gültig. Wem der neue Termin nicht passt, der kann den Ticketpreis erstattet bekommen. Natürlich freuen wir uns, wenn dies in Form eines Gutscheins erfolgt.

Studium in Künzelsau und Dänemark


Marcus Meyer ist seit 2013 Geschäftsführer der Kulturstiftung Hohenlohe. Er hat am Campus Künzelsau der Hochschule Heilbronn und an der University of Southern Denmark Kulturmanagement studiert. Nach dem Studium hat er unter anderem die Öffentlichkeitsarbeit für die Bachwoche in Ansbach konzipiert und mit dem Pasadena Roof Orchestra gearbeitet. Meyer lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Fichtenau. tak