Ernte Hohenlohe von oben: Mähdrescher verwandelt Getreidefeld in Stoppelacker

HARALD ZIGAN 07.08.2015
Hohenlohe von oben (Teil 3): Was in vielen Monaten zu ährenvollen Äckern heranwächst, verwandeln Mähdrescher binnen Stunden in ein Stoppelfeld – wie in Unterweiler bei Gerabronn.

In diesem gelben Meer wogt kein kühlendes Wasser. Im Schweiße seines Angesichtes, so will es die Bibel, soll auch der Getreidebauer sein Brot essen. An der elenden Schinderei auf dem Feld hat sich über 8000 Jahre lang bis zur Mechanisierung der Landwirtschaft im frühen 20. Jahrhundert nichts verändert, seit Babylonier und Sumerer vor gut 8000 Jahren im Vorderen Orient entdeckten, dass sich die winzigen Körner eines wild wachsenden Süßgrases in gemahlener Form vortrefflich als Basis für Lebensmittel eignen.

Die archaischen Sorten Urkorn und Emmer ernährten fortan neben dem Mais in Südamerika und dem Reis in Asien die Menschheit. Das blieb bis heute so: Getreide deckt weltweit rund 20 Prozent des Kalorienbedarfs.

"Hermann", "Capone" oder "Atomic" landen auf den Äckern

Die überaus großzügige Mutter Natur hatte auch nichts dagegen, dass die Landwirte zu jeder Zeit munter mit Sorten experimentierten – und damit die Erträge um ein Vielfaches steigerten. Allein beim Weizen können die Bauern mittlerweile unter 1000 Sorten wählen, die so prosaische Handelsnamen wie „Capone“, „Atomic“ oder auch schlicht „Hermann“ tragen.

Schweißtreibend blieb allein die Arbeit mit dem Getreide: Peter Hanselmann senior, der im Jahr 1978 mit seiner Familie von Übrigshausen bei Untermünkheim auf einen Aussiedlerhof an den Ortsrand von Gerabronn-Unterweiler umsiedelte, weiß noch um die wochenlange Mühsal, wie früher das Getreide mit Sichel und Sense gemäht, zu Garben gebunden auf dem Feld aufgestellt und dann auf dem Hof per Dreschflegel die sprichwörtliche Spreu vom Weizen getrennt werden musste.

Kein Wunder also, dass alte Bauern aus Hohenlohe noch heute vom legendären „MD 1“ schwärmen – so hieß der erste selbstfahrende Mähdrescher aus deutscher Produktion, den die Firma Fahr 1951 dem staunenden Fachpublikum auf einer Messe vorstellte. Die Maschine bedeutete nach den pferde- und traktorgezogenen Mähbindern einen Quantensprung für die Landwirtschaft: Mähen, Dreschen und Strohhäckseln in einem Arbeitsgang.

Mit dem ersten Mähdrescher auf dem Hof verbindet Peter Hanselmann junior (50) schier endlose Tage bei infernalischem Lärm und brüllender Hitze in einer beißenden, juckenden Wolke aus Staub und Spreu: „Klatschnass und mit schwarzen Gesichtern sind wir damals oft spät in der Nacht vom offenen Fahrersitz heruntergeklettert.“ Derlei Ungemach, wie es Großvater und Vater noch am eigenen Leib zu spüren bekamen, bleibt Lukas Hanselmann (20) erspart. Seit dem letzten Jahr steht nämlich der mächtige „7360“ auf dem Hof des 120-Hektar-Betriebes in Unterweiler. Der junge Landwirt, der gerade seine Ausbildung beendet hat, behält einen kühlen Kopf bei seiner Arbeit auf dem 270 PS starken Giganten des Herstellers Massey Ferguson: Eine Klimaanlage kühlt die Luft in der abgeschotteten Fahrerkabine. „Ich bevorzuge die klasssische Zimmertemperatur von 21 Grad“, sagt Lukas Hanselmann.

Aus den Lautsprechern im Führerstand kommt die Musik des jahreszeitlich prima passenden Senders „Sunshine Live“, wenn der junge Landwirt die ährenvollen Äcker in abrasierte Stoppelfelder verwandelt. Der Mähdrescher muss sich in der Erntesaison durch insgesamt 85 Hektar Getreide hindurchsäbeln. Allein der Winterweizen beansprucht für sich 40 Hektar, auf den restlichen Feldern stehen Wintergerste und Triticale, eine Kreuzung aus Roggen und Weizen. 25 Hektar Mais und Raps runden die Pflanzenwelt auf den Äckern der Hanselmanns ab.

Eine Fläche von zwei Hektar Weizen pro Stunde schafft das 5.50 Meter breite Mähwerk, elegant mit einem Joystick steuerbar wie viele andere Funktionen der Maschine, die ein Computer an Bord penibel überwacht.

Dürreperiode fordert ihren Tribut

Peter Hanselmann hat sich im vergangenen Jahr bei der Aussaat für die beiden Weizensorten „Credo“ und „Elixer“ entschieden – und war kurze Zeit vor der Ernte, die jetzt für den Winterweizen weitaus früher als üblich zu Ende ging, so gar nicht angetan bei seinen häufigen Kontrollbesuchen auf den Feldern: „Die Bestände sahen dünn aus“ – dabei hatten die zarten Pflänzlein alle einschlägigen Gefahren wie Gelbrost, Mehltau, Verzwergungsvirus und diverse Schimmelpilze heil überstanden, nur die lange Dürreperiode forderte eben ihren Tribut.

Die endgültige Stunde der ErnteWahrheit schlägt erst bei der Kalkulation des Ertrages: Neun Tonnen Winterweizen pro Hektar bei einem optimalen Feuchtegehalt von 13 Prozent waren es heuer – was Peter Hanselmann „angenehm überraschte“, auch wenn in seinen Depots jetzt 20 Prozent weniger Weizen als im Vorjahr lagert: „2014 gab es eine absolute Rekordernte, die nicht vergleichbar ist“.

Weil das Getreide der Güteklasse C auf dem Hof Hanselmann allein zur Fütterung der 200 Zuchtsauen und der Mastferkel verwendet wird, muss sich Peter Hanselmann nicht in der launischen Welt der Rohstoffbörsen tummeln, wo der Weizen derzeit mit knapp 180 Euro pro Tonne gehandelt wird.

Weitaus lieber sinniert der leidenschaftliche Ackerbauer ehrfürchtig und dankbar über die urwüchsige Schönheit des Getreides auf seinen Feldern nach – auch in der Kirche, wenn dort „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ intoniert wird. Im siebten Vers des Kirchenliedes aus dem Jahr 1653 heißt es nämlich: „Der Weizen wächset mit Gewalt; darüber jauchzet jung und alt und rühmt die große Güte des, der so überfließend labt.“