Landkreis Hohe Frauenquote und Flüchtlinge stellen Ärzte vor Herausforderungen

Nachfolger sind nur sehr schwer zu finden: Immer weniger junge Ärzte zieht es zum Praktizieren aufs Land. Vor allem Einzelpraxen können nur noch sehr selten nachbesetzt werden. Archivfoto
Nachfolger sind nur sehr schwer zu finden: Immer weniger junge Ärzte zieht es zum Praktizieren aufs Land. Vor allem Einzelpraxen können nur noch sehr selten nachbesetzt werden. Archivfoto © Foto:  
Landkreis / KERSTIN VLCEK 26.03.2016
Im Landkreis Schwäbisch Hall fehlen immer mehr Hausärzte. Viele Praxen verwaisen, weil sie nicht mehr nachbesetzt werden können. Ein mögliches Zukunftsmodell könnten Gemeinschaftspraxen sein.

Ein positives Beispiel vorneweg: In der Gemeinschaftsarztpraxis von Lindenberger, Rutsch und Single in Obersontheim hat der Generationenwechsel geklappt. Der Altersdurchschnitt der drei Ärzte liege unter 40, erklärt Allgemeinmediziner Dirk-Uwe Lindenberger.

Anders sieht es da im Landkreis Hall - ohne Crailsheim und Ilshofen - aus. Von rund 40 Ärzten seien die Hälfte über 50 Jahre und 25 Prozent über 60 Jahre alt, sagt Elisabeth Koerber-Kröll, Allgemeinmedizinerin in Hall und Vorsitzende der Kreisärzteschaft.

Kopp: "Es muss vielschichtiger gedacht werden“

Ihr Kollege bei der Crailsheimer Ärzteschaft, Helmut Kopp, schätzt die Situation für die Stadt noch dramatischer ein. "Es brennt in Crailsheim. In der Stadt gibt es nur noch 19 Hausärzte, von denen 15 Ärzte 60 Jahre oder älter sind", erklärt er. Die Versorgung sei gefährdet, aber die Ärzteschaft sei gerade damit beschäftigt, neue Mediziner zu finden.

Wahrscheinlich laufe es darauf hinaus, dass externe Ärzte geholt werden müssen, so Kopp weiter. "Es muss vielschichtiger gedacht werden. Medizinstudenten sollen verpflichtet werden, in Niederlassungen auf dem Land zu arbeiten", lautet Kopps Vorschlag.

Viele Landpraxen seien Gemeinschaftspraxen, mit zum Teil angestellen Ärzten in Teilzeit oder Ausbildungsassistenen, sagt Koerber-Kröll. Einzelpraxen würden demnach immer mehr zum Auslaufmodell. Dies liege vor allem daran, dass es schwierig sei, den ganzen Verwaltungsaufwand alleine zu schultern - auch Investitionen in Diagnostik, zum Beispiel in ein Ultraschallgerät, lassen sich gemeinschaftlich leichter finanzieren.

Einzelpraxen, die auch nach jahrerlanger Suche keine Nachfolger gefunden haben, sind zum Beispiel die Praxis von Jürgen Hinz in Vellberg und jene von Heinz Struzina in Mainhardt. Beide Ärzte haben sich in den Ruhestand verabschiedet.

Mehr Erfolg hatte der Hausarzt Günter Seither, der seine Haller Praxis im Dezember an Alexander Lofink übergeben hat. Der Internist hatte sich davor bereits mehrere Praxen angesehen, unter anderem jene in Mainhardt. "Ich habe mich letztendlich gegen die Praxis in Mainhardt entschieden. Es könnte nämlich sein, dass das Gebäude bald abgerissen wird. Das wäre einfach keine sichere Zukunft gewesen", erklärt Lofink. Er hoffe, auch die kommenden 20 Jahre die Praxis im Teurershof führen zu können.

Ein wichtiger Schritt für die Entlastung der Landärzte sei die Bereitschaftsdienstreform gewesen, meint Koerber-Kröll. Landärzte mussten davor rund zehnmal häufiger Nacht- und Wochenenddienste leisten als die städtischen Kollegen.

Ein großes Problem sehen Kopp, Koerber-Kröll und Lindenberger darin, dass es immer mehr Frauen in den Arztberuf zieht. Dies sei deswegen bedenklich, weil diese oft wegen ihrer Kinder nicht zehn Stunden am Tag arbeiten könnten. Außerdem dürfe man auch nicht die Flüchtlingsproblematik vergessen. Kopp erzählt, dass viele Ärzte ihre Freizeit opfern, um Flüchtlinge medizinisch zu betreuen. Für Koerber-Kröll könnte eine mögliche Lösung sein, dass in größeren Flüchtlingsunterkünften Praxen vor Ort und Notfallsprechstunden an bestimmten Tagen eingerichtet werden. Eventuell in Kooperation mit dem Roten Kreuz.

 

Zahlen und Fakten zu Hausärzten in der Region

Verhältnisse Im Landkreis Hall - ohne Crailsheim und Ilshofen - kommen auf knapp 100.000 Einwohner rund 70 Hausärzte. Davon circa 30 in der Stadt Hall. In etwa 30 Prozent arbeiten in Einzelpraxen, davon die meisten in der Stadt Hall oder in Gaildorf. Die Landpraxen sind meistens Gemeinschaftspraxen. Auf einen Hausarzt kämen so 1400 Einwohner, in Baden-Württemberg seien es 1500, so Medizinerin Elisabeth Koerber-Kröll.

Im Gegensatz zur Stadt Hall gibt es in der Stadt Crailsheim nur 19 Hausärzte für mehr als 33.000 Einwohner.

Anstrengungen Gerade in Crailsheim werde viel gemacht, um Hausärzte zu gewinnen. "Wir gehen auf die Unis, halten Vorträge und versuchen die Studenten zu motivieren. Die meisten gehen aber lieber ins Ausland oder in die Industrie", sagt Helmut Kopp von der Crailsheimer Ärzteschaft.

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