Michelbach/Lücke Hilfreiche Tonbänder

Der 84-jährige Karl Müller bei einer seiner Führungen auf dem jüdischen Friedhof in Michelbach mit einer Klasse der Realschule am Karlsberg. Privatfoto
Der 84-jährige Karl Müller bei einer seiner Führungen auf dem jüdischen Friedhof in Michelbach mit einer Klasse der Realschule am Karlsberg. Privatfoto
Michelbach/Lücke / LOTHAR SCHWANDT 01.03.2013
Zeitzeugen reden lassen, solange sie etwas mitteilen können, diesem Anspruch hatte sich Karl Müller schon zu Beginn seiner Amtszeit 1966 als Michelbacher Bürgermeister gestellt - zum Glück.

Aus dem reichhaltigen Wissen seiner Mitbürger berichtete Karl Müller in seinem zweiten Vortrag im Bürgerhaus über "400 Jahre jüdisches Leben in Michelbach/Lücke".

Er hat sie alle nach ihren Erfahrungen befragt: Moritz Eichberg, neben Thea Gundelfinger der zweite Überlebende des Massenmords im Dritten Reich aus Michelbach, und seine zweite Ehefrau Maximiliane. Dazu die Dienstboten und Angestellten der jüdischen Händlerfamilien aus dem Ort und diejenigen, die als "stille Helden" sehr wirksam Hilfen für die seit 1933 zunehmend entrechteten Israeliten am Ort anboten, bis deren endgültige Verschleppung in die Konzentrationslager 1942 dem jüdischen Leben in Michelbach ein jähes Ende setzte.

Und so bildeten die Tonbandaufnahmen aus den 1960er-Jahren neben den Arbeiten von Lehrer Friedrich Rüb und den Jugenderinnerungen von Bruno Stern den Grundstein für die dezidierten Ausführungen Müllers über das Zusammenleben von Christen und Juden. Sehr bewusst ging er darauf ein, weshalb er den Begriff "Juden" selbst nur ungern verwendet: Er wirke nach allem, was im Dritten Reich geschehen ist, immer noch diskriminierend, anders als der Begriff "Israeliten", wie er vor allem im 19. Jahrhundert gebräuchlich war.

Der historische Exkurs über das biblische "auserwählte Volk Gottes" bis zur Vertreibung aus Palästina bildete den Auftakt des Vortrags, der mit dem ersten Auftreten der Juden nach den Pogromen des Mittelalters und ihrer Ausweisung aus Rothenburg ob der Tauber nach 1519 auch in Michelbach und anderen aufnahmewilligen Orten am Rand der Landwehr lokal fassbar wurde. So wurde unter Götz von Berlichingen auch Michelbach zum Ansiedlungsort für die ausgebürgerten "Schutzjuden", wobei die neuen Landesherren ihnen zwar den Geldverleih erlaubten, sich dies jedoch teuer bezahlen ließen. Ausführlich ging Müller auf die Privilegien ein, die die spätere schwarzenbergische Herrschaft ihren "Schutzjuden" erteilte.

Beispiele über die Lebensumstände einiger Familien aus der "Israelitenverordnung" von 1685 wurden zitiert, was im Publikum Heiterkeit auslöste. Man erfährt, dass "Israel Jud ein eigenes, aber schlechtes Häuslein besitzt, seine Nahrung im Bettel bei der fremden Judenschaft sucht und nun zehn Jahre in Michelbach wohnt. Dieser Jud ist mit seiner Zahlung sehr eifrig. Sobald er heimkommt, richtet er seine Schuldigkeit richtig ab."

Eine bemerkenswerte Verbesserung der Lebensumstände war auch in Michelbach erst mit den Gleichstellungsbemühungen im Königreich Württemberg gewährleistet. Besonders die Visitationsprotokolle aus den Schulen sind aufschlussreich, wenn dort Pfarrer Beck 1833 explizit vermerkt: "Die Klasse liest fehlerfrei vor, im Kopfrechnen sind sie vortrefflich geübt. Im Rechnen sind die Judenkinder fertiger als die Christenkinder, sie schreiben auch eine schönere Handschrift. Die Judenschule verdient das Prädikat vorzüglich gut." Mit diesem Pfund konnte so selbst die wirtschaftlich schwierige Randlage Michelbachs nach der napoleonischen Grenzziehung ausgeglichen werden, denn das Handwerk und der Handel mit weitreichenden Geschäftsbeziehungen sorgten für einen gewissen Wohlstand bei der gesamten Bevölkerung, trotz der manchmal beklagten "Hofmetzgerei" der israelitischen Händler, die nun zunehmend mit Grund und Boden handelten. Und immer wieder wird betont, "dass die (christlichen) Tagelöhner bei den Juden die Beschäftigung bei Bauern innerhalb oder außerhalb des Dorfes vorgezogen haben". Müller weiß auch den Grund dafür: "Bei den Juden wurden sie besser bezahlt, der Jude war ein freundlicher Arbeitgeber, bei dem man nicht so unter Kontrolle stand, Trinkgelder flossen genauso wie eine kostenlose Verköstigung beim Viehtreiben üblich war." Dieses einvernehmliche Miteinander spiegelte sich bis hinein in den lokalen Dialekt, in den jiddische Begriffe wie "schallu" (einschüchtern), "schucken" (Geld geben) oder "jouger" (zu teuer) eingeflossen sind.