Handgreifliche Neuentdeckung

Die Natur weiß, wie es geht: Zweige wachsen leise. Archivfoto
Die Natur weiß, wie es geht: Zweige wachsen leise. Archivfoto
SWP 31.03.2012
Gedanken zum Sonntag von Pfarrer Karl Enderle von der Kirchengemeinde Christus König Schwäbisch Hall.

Ein solches besitze ich zwar, aber ich möchte damit nur gelegentlich unterwegs telefonieren können. Ich bin ein Handy-Asket, muss ich gestehen. Die Technik ermöglicht inzwischen märchenhafte Funktionen, und so gehört das Mobiltelefon unwiderruflich zu unserer Kommunikationskultur.

Andere "Dinge" verschwinden zusehends aus unserer Kulturlandschaft, zum Beispiel die Weiden an den Bachläufen. Die Korbmacher sind selten geworden. Fingerfertigkeit, Geschicklichkeit und Kraft braucht es für das Schneiden und Flechten von Weiden, von denen es viele Arten gibt. Einjährige Triebe in feuchte Erde gesteckt, wachsen einfach wieder an und treiben aus.

Solche Weidenstecklinge schenke ich gern weiter. Jedes Frühjahr habe ich wieder neue, und sie stammen von einem Weidenstrunk meiner Heimat. Deswegen binde ich in den Palmenbusch Weidenzweige hinein.

Beide "Dinger" halten wir in der Hand, das Handy in der einen und den Palmzweig in der anderen. Dieses Bild entspricht unserer Lebensweise. Wir brauchen die Verbundenheit als Vernetzung untereinander, und wir glauben an die Verbindung von oben her und nach oben hin - durch Jesus von Nazaret. Er hat die Verbindung aufgebaut, indem er vom Himmel herabgestiegen ist: "Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich" (Phil 2, 6-7). Die Gleichheit unter den Menschen ist eine wichtige Errungenschaft des modernen Menschenbildes, zugleich bleibt sie immer noch wichtige Aufgabe. Hat sie nicht ihren Ursprung darin, dass wir alle, Jesus gleich, einander dienen sollen, indem wir einander Lebensmöglichkeiten eröffnen - von der Sohle bis zum Scheitel?

Die Zweige für Jesus von Nazaret am Palmsonntag sind Zeichen für unsere Gottverbundenheit, aber als Teil der uns umgebenden Natur auch Symbole für unsere Naturverbundenheit. Bedienen wir doch einander mit mehr Natur, so kann auch darin ein Zugang zu Gott gefunden werden. Natur- und Gottverbundenheit bedingen sich wechselseitig. Das vielfältige Engagement in den Naturschutzverbänden ist vom Geist Jesu bewirkt, der vor Beginn seines öffentlichen Auftretens bei den wilden Tieren lebte (vergleiche Mk 1,13).

Jetzt, am Ende seines öffentlichen Auftretens, wird ihm zugejubelt - mit frischem Grün. "Es jauchze die Flur und was auf ihr wächst. Jubeln sollen alle Bäume des Waldes vor dem Herrn, wenn er kommt!" (Ps 96, 12-13).

Auf allen Handys wäre damals der Einzug Jesu in Jerusalem gefilmt - und natürlich auch weitergesagt worden. Handys klingeln laut, Zweige wachsen leise. Beides ist uns in die Hand gegeben. Ich glaube, der Einzug Jesu in unser Herz bewirkt, dass wir sowohl mit moderner Technik entsprechend gut umgehen können, als auch, dass wir unsere Naturverbundenheit neu entdecken.