Michelbach an der Lücke Geschichte der Synagoge in Michelbach

Die Synagoge Michelbach/Lücke freut sich an 90 neuen Stühlen, die der Förderverein finanziert hat.
Die Synagoge Michelbach/Lücke freut sich an 90 neuen Stühlen, die der Förderverein finanziert hat. © Foto: sd
Wallhausen / Birgit Trinkle 17.08.2018
90 neue Stühle, ein Jubiläumsbeitrag für Wallhausen und ein Rückblick auf fast 500 Jahre sind Thema in der Synagoge Michelbach / Lücke.

Gut sieht sie aus, die Synagoge, die selbst schon so viel gesehen hat. Die neuen Stühle waren nicht die günstigsten, aber sie passen in den Versammlungsraum, als wären sie eigens dafür entworfen. Josef Hartl, der sich  im Ausschuss des Fördervereins „Synagoge Michelbach an der Lücke“ engagiert, nennt die Summe von 13.000 Euro für 90 Stühle; der Verein habe sich viel Zeit genommen für die Auswahl, letztendlich entscheidend sei neben den optischen Vorteilen und den hohen Lehnen die Polsterung gewesen, die einiges aushalte und leicht zu reinigen sei.

So präsentiert sich die bis unters Walmdach mit großem Fachwissen sanierte Synagoge im Festjahr des 875-jährigen Bestehens der Gemeinde Wallhausen so vorteilhaft wie’s nur geht.

Vor 500 Jahren

Das war schon ganz anders. Hartl hat sich intensiv mit der Geschichte der Juden in Michelbach beschäftigt und blickt zurück aufs frühe 16. Jahrhundert, als einige der aus den freien Reichsstädten vertriebenen Juden an der Grenze zur Landwehr ein neues Zuhause fanden. Die kleine Gemeinde wuchs allen Widrigkeiten zum Trotz, bis im 18. Jahrhundert der bestehende Gebetsraum im Haus einer jüdischen Familie einfach zu klein wurde, zudem wohl auch nicht länger angemessen war.

1756 bat die jüdische Gemeinde bei den Fürsten von Schwarzenberg um die Erlaubnis, im privaten Garten eines Gemeindemitglieds eine Synagoge bauen zu dürfen. Im entsprechenden Gesuch versprachen die Juden, für ihre Synagoge regelmäßig Abgaben zu entrichten. Bereits ein Jahr später wurde die Einweihung gefeiert, und fortan spiegelte sich das Wohl und Wehe der Juden in diesem Gebäude, in dem gebetet, gelernt und vor allem die Gemeinschaft gestärkt wurde. 1863 lebten 227 Juden im Ort, sagt  Hartl, bei einer Gesamtbevölkerung von 655 Personen ist das ein Drittel. In dieser Zeit blühte die Gemeinde wie nie zuvor und nie wieder danach. Die Zahl der jüdischen Mitbürger nahm mit den kommenden Generationen kontinuierlich ab; 1933 machten sie nicht einmal mehr sieben Prozent der Michelbacher aus. Ihr Versammlungshaus aber, das ist alten Schriften und Fotografien zu entnehmen, war nach wie vor ein Schmuckstück. „In der Reichspogromnacht am 9. November bleibt die Synagoge weitgehend verschont“, sagt Hartl, sie durfte allerdings nicht länger genutzt werden. Wertgegenstände verschwanden, Fenster wurden eingeschlagen. Hartl: „Es heißt, dass SA und Hitlerjugend bereits  auf dem Weg waren, um die Synagoge zu schänden. Weil aber das Braugerstelager einer ansässigen Brauerei direkt angrenzte und ein Übergreifen der Flammen auf die wertvolle Braugerste befürchtet wurde, gab es keine Brandstiftung“ – entsprechend wurde ja auch die mitten im dicht bebauten Stadtgebiet liegende Crailsheimer Synagoge erst am Kriegsende zerstört.

Nach der Deportation der verbliebenen Michelbacher Juden wurde die Synagoge immer wieder zweckentfremdet: Sie diente als Munitionsdepot und ging schließlich in den Besitz einer Getränkehandlung über, die das Haus als Lagerraum nutzte und unter anderem den Boden aufgrub, um Bierfässer lagern zu können. Der kontinuierliche Niedergang fand mit dem Abbruchantrag 1979 einen Tiefpunkt, dann ging es wieder bergauf.

Die Gemeinde kaufte das Haus und sanierte es mit Hilfe des Landkreises in den Jahren 1983/84 von Grund auf. Überwiegend dank großzügiger Spenden und der Mitgliedsbeiträge ist mittlerweile der Förderverein in der Lage, Ausgaben wie die Stühle zu stemmen, die Gedenkstätte zu betreuen und  die bestehenden Schätze wie den Thoraschrein ebenso zu hüten wie das kleine Museum. Die Michelbacher Synagoge ist heute eine der ältesten noch erhaltenen Synagogen in Württemberg.

Info Am 9. September, zum Tag des offenen Denkmals, ist die Synagoge in Michelbach/Lücke von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Um 17.30 Uhr gibt es anlässlich der 875-Jahr-Feier von Wallhausen einen Vortrag über die Geschichte der Synagoge und der Juden, die sie genutzt haben, zudem Musik, Spielszenen und ein gemeinsames Essen.

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