Tempelhof/Dinkelsbühl Gute Bohne fürs gute Gewissen

Tempelhof/Dinkelsbühl / Jens Sitarek 13.06.2018
„Slokoffie“, so heißt der Kaffee, der neuerdings auf dem Tempelhof verkauft wird. Das Besondere: Er kommt mit dem Segelboot über den Atlantik. Geröstet wird in Dinkelsbühl.

Wenn es auf dem Tempelhof um das Thema Segeln geht, dann ist Ben Hadamovsky nicht weit. Von 2005 bis 2010 segelte er mit seiner Familie um die Welt, seit 2016 bietet er in der warmen Jahreszeit Segeltörns auf der Nord- und Ostsee an. Hadamovskys Heimathafen: die Gemeinschaft Schloss Tempelhof in der Gemeinde Kreßberg.

Auf einem dieser Törns machte ihn im vergangenen Jahr ein pensionierter Polizist aus Berlin auf „Slokoffie“ aufmerksam. „Ich weiß nicht, wie er darauf gekommen ist“, sagt Hadamovsky, aber der Mann sei ja „alternativ unterwegs“. Jedenfalls klang das Projekt so interessant, dass Hadamovsky selber nach Bremen fuhr, als er wieder mal im Norden unterwegs war, um sich ein Bild zu machen. In Bremen sitzt die Firma, die „Slokoffie“ vertreibt, ­gegründet wurde sie 2016. „Das sind Enthusiasten“, betont Hadamovsky.

Ein Schiff namens Abenteuer

„Slo“ steht im Namen für slow, englisch für langsam, und „Koffie“ ist niederländisch für Kaffee. Das Segelschiff, das selbigen transportiert, übrigens ein rückgebauter Lastensegler, kommt aus den Niederlanden. Er heißt „Avontuur“, Abenteuer.

Ziel der Firma ist es, einen Kaffee aus dem honduranischen Corquín auf den deutschen Markt zu bringen, „der in seiner gesamten Wertschöpfungskette das Prinzip der Nachhaltigkeit verfolgt“: faire Bezahlung der Bauern, biologischer Anbau und, was ihn natürlich zu etwas Besonderem macht, gesegelter Transport. Kafeegenuss mit gutem Gewissen also.

Sack Rohkaffee im Kofferraum

„Wie  können wir ökologischer werden?“, fragt sich Hadamovsky. Beim Kaffee ist „Slokoffie“ die Antwort, da der Transport über den Atlantik mit einem Segelschiff statt mit einem Containerschiff fast emissionsfrei funktioniert. 5692 Meilen sind es von Honduras nach Bremen. Die 574 Kilometer von Bremen nach Kreßberg legte Hadamovsky mit dem Auto zurück, im Kofferraum ein Sack Rohkaffee.

„Meine Idee ist, dass hier ein paar Päckchen stehen“, sagt er, und: „Die Idee ist witzig“, das Ganze sei aber „einfach nur ein Hobby“. Mit hier meint er das Schlosscafé in Tempelhof. Statt des Hochlandkaffees aus Äthiopien gibt es nun welchen aus Honduras. „Unser absoluter Kaffee-Aficionado Roman Huber hat ihn für besser befunden als den alten“, sagt Hadamovsky und lacht. Dem Vernehmen nach weist der neue eine karamellig-schokoladige Süße mit einer Zitrusnote auf. Man kann ihn im Schlosscafé trinken oder in ganzen Bohnen kaufen.

Im Ölzeug in die Rösterei

Auch Hadamovsky ist ein bisschen Aficionado, sonst hätte er den gesegelten Kaffee wohl kaum nach Kreßberg gekarrt. Privat mahlt er seinen Espresso schon mal mit der Handmühle. Für Jürgen Maaßen von der gleichnamigen Kaffeerösterei in Dinkelsbühl ist Ben Hadamovsky „der Segler“. Auf einmal „stand der hier in seinem Ölzeug, als sei er gerade vom Schiff runter, und fragte, ob er den Kaffee rösten könne“, so erzählt es Maaßen. Hadamovsky konnte. „Weil ich das Projekt ganz gut finde, mache ich einen Spezialpreis“, sagt Maaßen.

Die Rösterei, die er mit seiner Frau Michaela betreibt, liegt etwas versteckt im Altrathausgäßlein. Vorne an der Straße weist ein Kaffeesack darauf hin, man könnte auch einfach nur dem Geruch folgen. Seit zwei Jahren duftet es dort schon nach Kaffee. „So was Schönes“, ruft eine Frau, als sie den Laden betritt. Und ihr Mann fügt hinzu: „Das ist ja irre. Das findet man ja nicht mehr.“

Kuchen bringen die Gäste mit

Wenn man reinkommt, stolpert man fast über die Röstmaschine, es ist eine von Has Garanti aus der Türkei. Bis zu 900 Kilo röstet das Ehepaar Maaßen pro Monat. Die fertige Ware lagert in Weißblech-Hobbocks, im Angebot sind derzeit 25 Kaffees aus 15 Sorten. Es wird nicht nur Kaffee geröstet, sondern auch Kaffee getrunken, in allen Variationen. Im Hinterhof lockt ein idyllischer Garten. Kuchen gibt es nicht, dafür bringen die Gäste welchen mit.

Große Bohnen, wenig Stress

Ansonsten beliefern die Maaßens große Büros. Im Einzelhandel ist ihr Kaffee nicht zu finden, dafür im eigenen Online-Shop. Bevor sie die Rösterei eröffneten, stand der Laden zwei Jahre leer. Davor war mal ein Frisör drin. Sie hätten etwas mit Kamin gesucht in der Stadt, sagt Jürgen Maaßen, und „darauf geachtet, dass 40 Kilometer drumherum keine Rösterei steht“. Früher arbeitete er als Verfahrensingenieur, hatte mit Aromen zu tun. Jetzt also Kaffee. „Das passte wie die Faust aufs Auge“, so formuliert er es. Nicht nur das passte: „Ich wollte mit meiner Frau zusammenarbeiten. Es gibt nichts Schöneres.“

Wenn Jürgen Maaßen über Kaffee redet, sagt er Sätze wie „Je größer die Bohnen, desto weniger Stress hatten sie beim Wachsen“. Sein Urteil zum „Slokoffie“: schönes Bohnenbild, guter Spitzenkaffee. Nach 16 Minuten ist der Röstvorgang beendet. Im Röstprofil sind maximal 194 Grad vorgesehen. „Ich hole uns jetzt mal was Kaltes“, sagt Jürgen Maaßen zum Schluss. Es gibt Bionade, aus dem Kühlschrank.

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