Wenn Gudrun Romahn ihre Werkstatt betritt, ein Häuschen im Garten, taucht sie in andere Sphären. Ende der Siebziger Jahre entstanden ihre ersten Reliefwerke und sind seitdem das Markenzeichen der experimentierfreudigen Künstlerin. Plastisch stellt sie Fachwerkhäuser im Kleinformat dar. Grundlage ihrer Kunstwerke sind Fotografien, oft Urlaubsbilder von französischen Gässchen mit kleinen Cafés, und immer wieder Kulissen aus Rouen in der Normandie. Die Stadt mit ihren schmucken Holzgerüsten hat es der Mainhardterin angetan.

Für Romahn war es ein langer Weg, eine Suche nach den richtigen Materialien und der richtigen Technik. Mit Kohle zeichnet sie als ersten Schritt die Fenster vor, klebt transparente Folien anstelle der Scheiben auf. Anschließend wählt sie passende Hölzchen für die Fensterrahmen und das Fachwerk. Die bearbeiteten Stäbchen fixiert sie mit Klebeband und prüft mit dem Winkelmesser und zusammengekniffenen Augen, ob sie im richtigen Verhältnis zueinanderstehen. Erst dann klebt sie Hölzchen für Hölzchen fest. Steht das Fachwerkgerüst, zementiert Romahn die Hausmauern. "Ich arbeite im Grunde wie ein Architekt, bin zugleich ein Schreiner und Maurer", erklärt sie. Auch die Arbeitsrahmen bastelt sie selbst. Der Zement würde auf üblicher Leinwand nicht halten. Darum kleidet sie die Bilderrahmen aus Sperrholz, die Grundlage ihrer Reliefarbeiten, mit grobem Jutestoff aus.

Für ihre Kunstwerke verwendet die Mainhardterin vorwiegend Fundstücke aus der Natur. "Ich laufe immer so", sagt sie, demonstrativ auf den Boden blickend. Palmblätter vom Strand, heimtransportiert mit dem Wohnmobil, Zweige und Rinde, mitgebracht von Spaziergängen, bewahrt Romahn in Kisten.

Von der Regenrinne bis zum Fenstergriff und dem Keramiktopf mit Stoffblümchen gestaltet die Künstlerin die Häuserfassaden, detailverliebt und originalgetreu. Sie hämmert mit wuchtigen Hieben auf ihrem Miniatur-Amboss Blei. "Das kann man hauchdünn klopfen." Es erfordert Fingerspitzengefühl, die bleiernen Teile für Türklinken, Scharniere und Fenstergriffe anzubringen. "Ohne die Details würde etwas fehlen. Die Kleinigkeiten machen es am Ende aus", meint Romahn. Das Handwerk des Malers kommt noch hinzu, wenn sie mit Acryl- und Aquarellfarben am Ende die Hauswände und den Himmel "streicht" oder Spaziergänger in das Fachwerkidyll malt. Zu guter Letzt trägt Romahn mit einem Tuch eine zarte Wachsschicht auf. "Das schützt und glänzt dann schön", sagt sie.

Bis zu 200 Stunden investiert sie in besonders aufwändige Reliefwerke. Seit dem Ruhestand verbringt die gelernte OP-Schwester nahezu täglich mehrere Stunden in ihrer Werkstatt. "Von Hobby kann man da nicht mehr sprechen." Die Mitbegründerin des "Künstlerkreis Mainhardter Wald" macht neben ihrer Reliefkunst auch klassische Skulpturen aus Gips. Im Garten ruhen schwere Specksteinbrocken. Ihre Bilder, vorwiegend Öl auf Leinwand, zeigen Stillleben, Frauen, Kinder und auch immer wieder Gebäude. Ein fertiges Bild vom Kirchturm in Pfedelbach lehnt auf der Staffelei. Schimmernde Silberblättchen glitzern am Dach. Das Spiel mit den Materialien kann Gudrun Romahn auch dann nicht lassen.