Schon auf der Zufahrt zur Biogasanlage der Familie Reber in Gailenkirchen blitzt das bunte Kunstwerk immer wieder zwischen den Bäumen hervor. In Orange- und Blautönen hat der Berliner Künstler Kera die Betonmauer bemalt. Er habe den Himmel aufgreifen wollen und er sei „nicht so der Grünfan“. „Es war auch total angenehm, auf dem Land zu sein“, sagt Christian Hinz alias Kera beim Telefonat. Bei der Einweihung am Freitag konnte er nicht dabei sein. „Meine Tochter hat ihren letzten Tag im Kindergarten und da begleite ich sie“, sagt er. Denn seine Frau ist Geigerin und zurzeit unterwegs.

Aufwertung für den Rundbau

Nichtsdestotrotz sind rund 100 Gäste gekommen, um sich das fertige Kunstwerk anzuschauen. „Es ist auf jeden Fall eine Aufwertung“, sagt Landwirt Michael Reber. Jede Perspektive sei anders. Er erkenne an einer Stelle einen Menschen, der halbe Liegestütze mache, erzählt er. „Es ist spannend, wenn ein Hauptstadtkind und Hohenloher Landeier zusammenkommen“, sagt Reber und lacht.

Für Kera, der auch das erste Mal auf einem Traktor saß, war nicht nur das Landleben eine neue Erfahrung, sondern auch, seine Kunst an so einem Rundbau anzubringen. 520 Quadratmeter Fläche hat er mithilfe von 160 Rollen Kreppband und 260 Liter Farbe bemalt. „Geplant hatte er mit 200 Litern, zwei Tage vor Ende habe ich ihm noch 60 Liter nachgeliefert“, erzählt Pascal Baumgärtner. Er ist der Leiter des Heidelberger Metropolink-Festivals, von dem Schwäbisch Hall zum dritten Mal Teil ist. Die anderen beiden Kunstwerke sind im Karl-Kurz-Areal in Hessental zu sehen.

Bewusst habe man sich in diesem Jahr für einen Ort außerhalb der Stadt entschieden. „Die Zeit war reif, aufs Land rauszugehen“, sagt Ute Christine Berger, Leiterin des Haller Kulturbüros. „Es ist wichtig, auch außerhalb der Stadt Akzente zu setzen“, betont sie.

Urbane Kunst kommt nach Hall

Für Kera war es eine tolle Erfahrung, dass Menschen ihn in den sechs Tagen, die er an dem Werk gearbeitet hat, immer wieder angesprochen haben. „In Berlin passiert das nicht so häufig.“ Da er einen Tag früher fertig geworden ist, hat er die Zeit auch genutzt, um Schwäbisch Hall zu besuchen und sich die Stadt anzuschauen. „Das habe ich richtig genossen.“

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Durch das Metropolink-Festival komme urbane Kunst nach Hall und werde mit dem ländlichen Raum verzahnt, sagt Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim in der Begrüßung. „Es übertrifft meine ersten Erwartungen, denn bisher hatte ich es nur in Abschnitten gesehen“, erklärt er. Er wünscht sich, die Kooperation zwischen der Stadt Hall und Metropolink auch im nächsten Jahr fortzusetzen. Genügend Flächen gebe es ja. Es wurden auch schon Vorschläge an ihn herangetragen, zum Beispiel die Unterführung im Bahnhof Hessental durch Kunst aufzuwerten oder die Hagenbachhalle oder den zukünftigen Eingang beim Weilertunnel zu gestalten.

Viele der Gäste, die zur Einweihung gekommen sind, gehen um die Biogasanlage herum, um sich die grafisch abstrakten Formen anzusehen. Der Künstler selbst findet seine Arbeit „gut gelungen“. Seine nächsten Projekte nimmt er auch bald in Angriff. Im August bemalt er eine Wand in Georgien und auch ein Fußboden in einem Einkaufszentrum in ­Wales steht auf dem Programm.

Nun können sich die Haller und die Touristen an dem orangen und blauen Rundbau erfreuen. „Vor allem im Winter werden die Farben gut zur Geltung kommen“, ist Baumgärtner überzeugt.

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Weltweit bemalt Kera Flächen


Kera, der mit bürgerlichem Namen Christian Hinz heißt, wurde 1985 in Berlin geboren. Er beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit Farben, Drucktechniken und Fassadenmalerei. Seit 2012 arbeitet er als freischaffender Künstler.

Seine Werke bezeichnet Kera als geometrisch abstrakt. Bei allen seinen Arbeiten lässt er die Umgebung auf sich wirken und entwickelt so ein Konzept. Er arbeitet vorwiegend auf großformatigen Flächen und das weltweit, zum Beispiel in Europa, aber auch in Mexiko oder Katar. Auch in Galerien und auf Messen ist er vertreten, wofür er Leinwände und Objekte gestaltet.

Seit diesem Jahr hat Kera auch einen Lehrauftrag für Drucktechnik an der Jugendkunstschule Berlin-Steglitz. kv