Muswiese Gewürzhändler Marco Vilim kommt jedes Jahr gern

Marco Vilim arbeitet im Gewürzstand auf der Muswiese, seit er 16 Jahre alt ist.
Marco Vilim arbeitet im Gewürzstand auf der Muswiese, seit er 16 Jahre alt ist. © Foto: Sebastian Unbehauen
Musdorf / Sebastian Unbehauen 09.10.2018
Marco Vilim ist einer von zahlreichen Gewürzhändlern auf dem Jahrmarkt. Seine Familie macht seit 60 Jahren in Musdorf Station.

Dass man die Muswiese gesehen haben muss, ist ja klar. Genauso richtig ist aber: Man muss sie gerochen haben. Jeder, der den Jahrmarkt im Herzen trägt, könnte mit verbundenen Augen und geschlossenen Ohren nach Musdorf geführt werden und wüsste doch sofort, wo er ist. Es ist die klassische Muswiesen-Mixtur aus Landluft, heißen Pfannen und mal trockener, mal nasser Muttererde, die das Gehirn eines Zentralhohenlohers zum Ausstoß von Glückshormonen anregt. Und auch eine exotische Komponente spielt dabei eine nicht unerhebliche Rolle: Gewürze. So wie sie ein gutes Essen entscheidend besser machen, runden sie die Musdorfer Festluft ab. Alle paar Meter streicht ein Hauch weiter Welt um die Nasen der Besucher.

Seit 60 Jahren trägt die Familie Vilim aus Herrieden zu dieser ganz besonderen Atmosphäre bei. Marco Vilim (39) ist Gewürz- und Teehändler in dritter Generation, gerade erlebt er seine 23. Muswiese im Marktstand. Der Mittelfranke kommt immer gern, denn er hat viele Stammkunden – nicht zuletzt, weil die Vilims ihre Ware mehr als 40 Jahre lang zweimal in der Woche auf dem Crailsheimer Wochenmarkt verkauften. „Es ist also jedes Jahr ein großes Wiedersehen“, sagt Vilim. „Der Kontakt zu den Menschen ist einfach schön.“

1954 hatte die Großmutter des Händlers, die aus dem Sudetenland stammte, mit dem Geschäft begonnen. Ihr Mann war nach Jahren der Kriegsgefangenschaft geschwächt, sie suchte nach einem Auskommen und sagte: „Was zum Essen können die Leute immer gebrauchen.“ Ihre Ware bezog sie von einer Nürnberger Gewürzmühle, mit dem Leiterwagen ging sie auf den Ansbacher Wochenmarkt. Mittlerweile haben die Vilims einen Laden in Herrieden, mit dem Wagen kommt Marco Vilim auf 200 Markttage im Jahr.

Die Muswiese ist natürlich eine ganz besondere Station. „Woanders gibt es vielleicht mal zwei, drei Gewürzstände“, sagt er. „Hier sind es viel mehr. Und trotzdem macht jeder ein gutes Geschäft. Selbst wenn es regnet und anderswo kein Mensch kommen würde, ist der Besuch gut.“ Nicht alltäglich ist auch, dass es in Musdorf bis heute zahlreiche Kunden gibt, die tatsächlich ihren gesamten Jahresvorrat kaufen: „Manche gehen mit zwei, drei gefüllten Tüten vom Stand weg, andere kommen auch mehrmals über die Muswiesenzeit bei uns vorbei.“

Ganz besonders gut gehen in Hohenlohe übrigens Muskatnüsse. „Früher haben da manche 50 Stück auf einmal mitgenommen“, sagt Marco Vilim und lacht. „Heute sind’s bisweilen immer noch 15. Nirgends anders kauft jemand 15 Muskatnüsse.“ Beliebt sind auch Blutwurzel, Kürbiskerne und Pfeffer. Auf der Muswiese wird übrigens nicht nur zum schwarzen, sondern auch gern zum weißen Pfeffer gegriffen. Im Fränkischen jenseits der Landesgrenze geht der gar nicht. Dafür liebt man dort Majoran und Kümmel, was hier zum Ladenhüter taugt.

Aber natürlich hat auch im Gewürzbereich die nivellierende Wirkung der Globalisierung Einzug gehalten. Manche Mischungen gehen überall gut, Trends gibt es hier wie dort: Chia-Samen und Tonka-Bohnen etwa. Und überall spielt keine Rolle mehr, was früher ein wichtiger Geschäftszweig der Vilims war: althergebrachte Arzneikräuter wie zum Beispiel Brennnessel, Eichenrinde oder Schlüsselblumen. Vilim: „Heute trinken die Menschen lieber Tees, die gut schmecken“ – und die in aufgebrühter Form zumindest ein kleines bisschen der herrlichen Muswiesenluft ins eigene Heim bringen. 

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