Serie Geschichten, die das Leben schreibt

Harald Zigan ist Redakteur beim Hohen- loher Tagblatt in Crailsheim. Archivfoto
Harald Zigan ist Redakteur beim Hohen- loher Tagblatt in Crailsheim. Archivfoto
SWP 03.04.2013
Die ganze Geschichte begann, als die Grundschulen noch Volksschulen hießen: Die Fibel, mit der sich damals die ABC-Schützen auf ihre holprige Reise in die spannende Welt der Schriftsprache machten, roch eindeutig nach Leberwurst.

Genau an jener Stelle, wo sich auf den ersten Seiten die leuchtenden Schulbuch-Vorbilder ("Das ist Hans, das ist Lotte") den dreikäsehohen Lese-Lehrlingen vorstellten, prangte ein Fettfleck.

Die noch relativ frische Geruchsspur musste wohl vom Vorbesitzer der Fibel stammen - ein Bauern-Bub von einem Hof, der im Dorf für seine Hausmacher Wurst allseits gerühmt wurde.

Mit der Wurst-Fibel war jedenfalls die Sucht, jedes, aber auch wirklich jedes neue Buch vor der Lektüre zuerst einmal ausgiebig zu beschnuppern, unausrottbar in der Welt. Und fortan öffnete sich ein Kosmos an olfaktorischen Erlebnissen, die im Laufe vieler Jahre (und noch weitaus mehr Büchern) zu der denksportlichen Disziplin führte, die ungefähre Herkunft eines Druckerzeugnisses allein an seinem Geruch zu erschnüffeln.

Viele Bücher aus dem damaligen Ostblock etwa muffelten oft säuerlich wie gestockte Milch. Selbst historische Studien fielen dann irgendwann auch nicht mehr schwer: Bücher, die jahrelang in einem Keller darbten, waren kinderleicht an ihrer Duftmarke "Mostig, mit einem Hauch von Gully" identifizierbar.

In den letzten Jahren fällt es freilich zunehmend schwerer, den Nasen-Kompass einzunorden: Die moderne Technik im globalen Dorf machts möglich, das papierne Gedächtnis der Menschheit an jedem (billigen) Ort der Welt zu produzieren. Und der Buch-Duft wird austauschbar.

Was aber nach wie vor zuverlässig die Nase umschmeichelt, das ist die geliebte, leicht herb riechende Druckerschwärze der Zeitungen - ein flüchtiger Hauch nur, aber eine einzige Verheißung auf Geschichten, die das Leben schreibt.