Wenn in alter Zeit ein Kartenzeichner nicht mehr weiterwusste, pinselte er eine vage Warnung ins unbekannte Terrain:  „Es könnte Drachen geben“. Vielleicht haben ja die Rothenburger dem Drachenwald aus ähnlichen Gründen seinen Namen gegeben: Unbekanntes Land jenseits der Landhege. Oder landeten dort die bösen Weiber, wie ein Anlieger witzelt, wenn er seine Frau ärgern will? Zugegebenermaßen ziemlich an den Haaren, oder besser Drachenschuppen herbeigezogen sind diese Erklärungen. In einer alten Oberamtsbeschreibung aus Gerabronn ist von einem ausgemauerten „Drachenbrunnen“ an dieser Stelle die Rede. Aber so richtig weiß niemand, wie dieser Wald zwischen Wallhausen und Niederwinden zu seinem Namen kam. Nicht einmal Wilfried Schumm, und der ist hier daheim.

Als der Landwirt 1955 konfirmiert wurde, sah der Drachenwald noch ganz anders aus. Viel dunkler war er, unwegsamer, buchstäblich. Sein ganzes Leben lang war der Wallhausener hier unterwegs. Viele der Kleindenkmale hier tragen seine Handschrift oder wurden zumindest von ihm restauriert und für die Nachwelt erhalten. Aus dem ewig nassen Loch, in dem immer der Bulldog steckenblieb, hat er einen kleinen Teich gemacht, das „Drachenlöchle“, samt knitzem kleinen Natur-Drachen. Und auch dass der Wasserlauf an der Brunnenstube des ehemaligen Bahnwärterhäuschens heute nicht versumpft und versickert, sondern noch einige Meter in Bassins plätschert, ist ihm zu verdanken.

Wo ist der Weidenbach?

Schumm, der den Namen dieses Waldes auf den Drachentöter Georg zurückführt, den er den „deutschen Heiligen“ nennt, blickt auf den wie verwunschen daliegenden Tümpel, an dem er eine Steinbank gebaut hat: „Ich stelle mir hier immer vor, dass Hagen von Tronje von genau so einer Stelle aus auf Siegfried geschossen hat.“ Solche Gedanken sind nah im Drachenwald. Mit dem Wasser ist das so eine Sache. Da gibt’s einen Bach, und ein paar Meter weiter keinen Bach mehr: Der Weidenbach versickert im zerklüfteten Muschelkalk und ist buchstäblich vom Erdboden verschwunden. Geologen haben herausgefunden, dass er fast 18 Kilometer weit unterirdisch fließt, dann bei Neubronn in die Bühler mündet und auf dem Weg dahin faszinierenderweise die Jagst unterquert.

Wer im Frühling auf Wochenmärkten fünf Euro für einen Bund Bärlauch zahlt, dem gehen die Augen über angesichts des Bärlauchmeers im Drachenwald, noch immer riecht es derzeit betäubend. Auch sonst finden sich  viele selten gewordene Pflanzen von den Orchideen bis zum Lungenkraut – kein Wunder, dass der Nabu immer wieder Exkursionen organisiert. Es gibt ganz alte Baumbestände, junge Baumpflanzungen nach den verheerenden Sturmschäden der 90er-Jahre, oder auch Bäume mit Bedeutung wie feierlich gepflanzte Elsbeeren. Im Zuge der Flurneuordnung sind neue Wege entstanden, die an Sommertagen die schönsten Waldspaziergänge im Schatten hoher Laubbäume verheißen und all das erschließen.

Menschgemachtes

Vor allem aber gibt es Kleindenkmale aller Art, von der mutmaßlichen Keltenschanze bis hin zum gut versteckten Geocaching-Depot – einem kleinen Gästebuch in einer Tupperdose, in das sich schon Dutzende mit GPS bewaffnete Schatzsucher eingetragen haben.

Ältere wissen noch von der Zeit zu erzählen, in der die einzige Straße in den Drachenwald über die Bahnlinie führte: Wer die Schienen queren wollte, stand vor einer verschlossenen Schranke und einer Klingel. Noch immer gibt es Überreste der beiden Bahnwärterhäuser. Eine andere Betonkonstruktion gibt so lange Rätsel auf, bis sich Lokalhistoriker Lothar Schwandt erbarmt: Das war die Pulverkammer des Steinbruchs – vom Drachenwald aus wurde der Stuttgarter Hauptbahnhof ebenso mit Muschelkalk beliefert wie die Hauptstadt.

Einiges in diesem Forst ist uralt: Die kleine Markungs- und Grenzsteinsammlung etwa, die von unterschiedlichsten Zugehörigkeiten zeugt. Anderes ist traurig: Die SS hat Wilhelm Daunke im Drachenwald erschossen; ganz nahe an der Eisenbahnbrücke erinnert eine Stele an diese furchtbare Zeit. Und nicht zuletzt gibt es Kuriositäten: Der große Findling „Drachenfels“, den Wilfried Schumm für seine Enkel aufgestellt hat etwa. Was erst in diesen Tagen bekannt wurde: Das schwarze Fichtenkreuz an der Straße wurde nicht in Erinnerung an den Borkenkäferbefall gesetzt, es war die Drohung eines Gegners der 2014 abgeschlossenen Flurbereinigung, die von Schumm zu etwas Positivem umgewidmet wurde. Dann der einst als Müll entsorgte Spiegel, der jetzt als Kleinkunst im Wald hängt, oder das grinsende „Bruhlmanndle“, das ein zufällig entstandenes Steingesicht sein könnte, aber auch eine uralte Spielerei: Ein Ausflug in den Drachenwald lohnt allemal.

Info Eine Wanderwegtafel am Eingang des Drachenwaldes beim Spiel- und Grillplatz nahe Wallhausen zeigt vier Rundtouren auf; den Plan gibt’s bei der Gemeindeverwaltung Wallhausen.

Zukunftsprojekt, nicht nur für Wallhausen


Zur Erfassung und Dokumentation von Kleindenkmalen in Baden-Württemberg gibt es seit 2001 ein landesweites Projekt. So vieles stand Bauvorhaben oder Flurbereinigungen im Weg, wurde mutwillig zerstört oder gestohlen – etwa Kreuze, die von Mordtaten und Sühneopfern erzählen, von beigelegten Händeln oder dem Segen heil überstandener Kriege. Anderes ist zugewachsen, verwittert, zerfallen und droht vollends verloren zu gehen. Der Drachenwald zeigt beispielhaft, warum es sich für die Landkreise und Gemeinden lohnt, mitzumachen – möglichst, solange es noch Menschen gibt, die von den meist steinernen Zeugnissen der Vergangenheit zu erzählen wissen.