Demenz Gemeinsam Zuhause

Neuenstein / Anna Berger 23.06.2018

Der Himmel ist blau über der Eppacher Mühle, einem stattlichen Fachwerkhaus im Neuensteiner Teilort Untereppach. Ein guter Tag für die Gartenarbeit. Ilse Kirmayer greift in eine violette Klappkiste und reicht einen Tomatensetzling weiter an Karin Brenner, die die Pflanze aus dem Plastiktopf löst. Es ist kurz vor 12 Uhr. Zu dieser Uhrzeit wird in der Wohngemeinschaft in der Eppacher Mühle für gewöhnlich gemeinsam an einer langen Tafel zu Mittag gegessen. Doch es bleibt noch ein wenig Zeit für die Gartenarbeit.

Hinter den beiden Gärtnerinnen schaukelt helle Wäsche im sachten Sommerwind. Auch die haben die beiden Frauen schon zusammen aufgehängt. Was nach Alltag klingt, soll sich für Ilse Kirmayer ganz bewusst auch so anfühlen. Die 86-Jährige lebt seit drei Jahren als eines von neun WG-Mitgliedern in der Eppacher Mühle. Das Besondere an der Wohngemeinschaft: Nur Demenzkranke dürfen ein Zimmer in dem Fachwerkhaus beziehen. Man könnte die Krankheit beinahe als zehnte Mitbewohnerin bezeichnen.

„Man lebt in seiner eigenen Welt“

Karin Brenner ist Vorsitzende des Vereins „Gemeinsam Daheim“, der sich 2008 gegründet hat, um das Wohnprojekt in der Eppacher Mühle zu ermöglichen. Die gelernte Hauswirtschaftsleiterin stattet der Demenz-WG regelmäßig einen Besuch ab, um Zeit mit den Bewohnern zu verbringen. „Das Zusammensein mit den Demenzkranken gibt mir viel“, sagt sie. Für die 60-Jährige ist Demenz nicht die schlimmste Krankheit, die einen im Alter ereilen kann. „Man lebt dann eben in seiner eigenen Welt“, sagt sie.

Karin Brenner weiß, wovon sie spricht. Ihre Mutter hat ihren an Demenz erkrankten Vater viele Jahre im eigenen Zuhause gepflegt. Das habe sie häufiger an den Rand der Belastbarkeit gebracht. „Man darf ja nicht vergessen, dass die Lebensgefährten von Demenzkranken häufig auch nicht mehr die Jüngsten sind“, sagt sie. Noch dazu bräuchten Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium rund um die Uhr eine Betreuung. „Das kann man allein nicht auf Dauer leisten“, ist die 60-Jährige überzeugt. Die Demenz-WG ist für Karin Brenner die optimale Alternative – eine Alternative, die es noch nicht gab, als Karin Brenners Vater noch lebte.

Seit Mai 2014 können in der Eppacher Mühle bis zu neun Menschen mit Demenz ein neues Zuhause finden. Dort werden sie rund um die Uhr von einem Pflegedienst betreut. Wichtig ist dem Verein, dass die Pflege trotz der körperlichen Einschränkungen der Bewohner nicht im Vordergrund steht. „Wir sind kein Altenheim“, betont Brenner. Jeder Bewohner soll das Gefühl haben, in den WG-Alltag eingebunden zu sein. Da gehöre es auch dazu, dass die Bewohner beim Abwasch, Wäscheaufhängen oder der Gartenarbeit helfen. „Es ist ein bisschen so wie in einer Studenten-WG“, sagt Brenner. „Die Bewohner bilden eine Solidargemeinschaft, in der auch mal Kompromisse eingegangen werden müssen.“

Auch die Angehörigen der Bewohner können sich einbringen, indem sie etwa den Einkauf für den Haushalt der Demenz-WG übernehmen. Für jede Stunde, die sich die Angehörigen für die Demenz-WG einbringen, wird ihnen ein kleiner Teil der Miete erlassen. „Sie ersetzen für diese Zeit eine Pflegekraft“, erklärt Brenner. Pflegerische Tätigkeiten dürften die Angehörigen allerdings nicht übernehmen. „Aber sie können bei allem anderen helfen, das in der Wohngemeinschaft anfällt.“

Spaziergänge können die WG-Bewohner ohne Betreuungsperson unternehmen. Das Haus liegt an einer ruhigen Straße, und die Menschen im Ort kennen die Demenz-WG. „Wenn sich jemand verläuft, rufen die Leute in der Mühle an“, erklärt Brenner.

Bei der Einrichtung der Gemeinschaftsräume hat der Verein Wert auf Gemütlichkeit gelegt. Die Räume sind hell und mit einer Mischung aus alten und neuen Möbeln ausgestattet. „Wir haben einige Möbel von Haushaltsauflösungen bekommen“, erklärt Karin Brenner. „Wir wollten nicht, dass es klinisch wirkt.“ So steht etwa ein altes mit Brokatstoff überzogenes Sofa im Wohnzimmer und statt weißem Geschirr kommen Porzellanteller mit Goldrand auf die lange Tafel im Esszimmer. „Viele unserer Bewohner hatten solche Teller für besondere Anlässe zu Hause im Schrank. Jetzt dürfen sie sie jeden Tag benutzen“, sagt Karin Brenner.

Zur Verfügung gestellt wurde das Gebäude von Joachim Pfisterer, einem Gründungsmitglied des Vereins. „Das hier war sein Elternhaus“, erklärt Brenner. Pfisterer hat mit seiner Frau bereits seine demenzkranke Schwiegermutter gepflegt und dabei bemerkt, dass ein Angebot wie das der Demenz-WG in der Region fehlt. Darum fasste er den Entschluss, die alte Mühle zu einer Alters-WG für Demenzkranke umbauen zu lassen. In Karin Brenner und den weiteren Vereinsmitgliedern fand er Mitstreiter für das Projekt.

Gemeinsam warben sie Gelder für den Umbau der alten Mühle in eine Alters-WG ein und beauftragten ein Architekturbüro mit der Planung. Eine Million Euro wurde für den Umbau veranschlagt. Den Löwenanteil dafür bekam der Verein aus dem Topf der ARD-Fernsehlotterie und von der Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken (GLS). Weitere Unterstützung gab es von den Hohenloher Zahnärzten, der Software AG Förderstiftung und dem Lions Club Hohenlohe. Zudem wurde das Projekt vom Sozialministerium bezuschusst.

Im Frühjahr 2013, rund fünf Jahre nach der Vereinsgründung, konnte schließlich mit den Bauarbeiten an der Mühle begonnen werden. Die Mühle wurde beinahe komplett entkernt. Nur im Erdgeschoss findet man heute noch das alte Mauerwerk und den hölzernen Mühlenboden. Der Rest ist „Neubau im Altbau“ wie Karin Brenner das ausdrückt.

Ein gutes Jahr dauerte der Umbau. Unproblematisch war er dennoch nicht. Eine Million Euro sollte der Umbau kosten. Letztlich musste der Verein aber 300 000 Euro zusätzlich aufbringen. Um das Projekt zu retten, musste der Verein Kredite von Privatpersonen aufnehmen. „Das war keine gute Zeit“, erinnert sich Brenner.

Umso glücklicher ist sie, dass die Demenz-WG seither eine kleine Erfolgsgeschichte hingelegt hat. Im Mai 2014 konnten die ersten drei Bewohner in die umgebaute Mühle einziehen. Nach und nach wurde die Wohngemeinschaft dann größer. „Seit 2016 sind alle neun Plätze durchgängig belegt“, sagt Brenner. Derzeit ist die Nachfrage nach einem Platz in der Demenz-WG so groß, dass der Verein eine Warteliste führen muss und bereits zum August eine Vergrößerung der Demenz-WG um zwei Plätze plant. „Mittlerweile bekommen wir vermehrt Anfragen aus der Umgebung“, sagt sie. „Das zeigt, dass wir hier angekommen sind.“ 22 Mitglieder hat der Verein derzeit, fünf davon bilden den Vorstand. „Wir brauchen dringend noch Mitstreiter“, sagt Karin Brenner. Sie hofft, vor allem junge Leute für die Vereinsarbeit gewinnen zu können, die die Idee der Demenz-WG weitertragen und irgendwann die Vorstandsmitglieder ablösen. „Es muss ja noch eine Zeit lang weitergehen bei uns“, sagt sie.

Damit die Harmonie unter den Bewohnern der WG erhalten bleibt, muss jeder neue Mitbewohner vier Wochen zur Probe wohnen. „Es kommt schon mal vor, dass wir den Angehörigen sagen müssen, dass es nicht passt“, sagt Brenner. Der häufigste Grund für solch eine Entscheidung ist die Demenz selbst. „Wenn die Krankheit schon zu weit fortgeschritten ist, können neue Mitbewohner kaum noch integriert werden.“

Wer sich allerdings einmal in der Wohngemeinschaft eingelebt hat, der kann bis zum Ende dort bleiben. Fünf Todesfälle habe es in den vergangenen vier Jahren in der Demenz-WG gegeben – den letzten erst vor wenigen Wochen. Zur Beerdigung der Verstorbenen kamen dann neben den Angehörigen auch die Bewohner der Demenz-WG. Einigen sei sicherlich nicht bewusst gewesen, dass sie gerade auf die Beerdigung ihrer Mitbewohnerin gingen. „Als sie dann am Grab waren, haben sie auf emotionaler Ebene ganz klar mitbekommen, was da passiert. Das war ein unheimlich bewegender Moment“, sagt Karin Brenner und blinzelt die Tränen weg, die ihr bei der Erinnerung in die Augen geschossen sind. Auch wenn die Krankheit den Menschen die Erinnerung stiehlt, eines bleibt den meisten dann doch: Empathie und Zwischenmenschlichkeit. „Als mein Vater an Demenz erkrankt ist, hat er plötzlich angefangen, sich wahnsinnig um mich zu sorgen“, erzählt Karin Brenner. „Diese Fürsorge hat mich sehr gerührt.“

Als Karin Brenner an diesem Tag nach der Gartenarbeit mit Ilse Kirmayer zurück in die Mühle kommt, dampft eine Maultaschensuppe auf dem Tisch. „Das tut gut“, sagt eine WG-Bewohnerin nach fast jedem Löffel, den ihr eine Pflegekraft reicht. Ilse Kirmayer setzt sich zu ihren Mitbewohnern und löffelt zufrieden ihre Suppe. Zum Nachtisch gibt es Joghurt mit Rhabarbermus. Zwei WG-Bewohner werfen sich einen amüsierten Blick zu und beginnen das Wort „Rhabarber“ so oft vor einander herzusagen, bis ihre Zungen darüber stolpern. Als die Frage aufkommt, wer mit dem Abwasch dran ist, melden sich die beiden WG-Bewohner freiwillig. „Wir machen das zusammen.“

Info Mitstreiter gesucht: Der Verein „Gemeinsam Daheim“ sucht weitere Mitglieder. Interessierte können sich bei Karin Brenner unter Telefon 0 79 42 / 94 23 03 oder per E-Mail an info@eppacher-muehle.de melden.

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