Das hätte Fritz Vogt gerne noch erlebt: Zu seinem 90. Geburtstag an diesem Mittwoch erscheint ein Buch, das Gespräche mit dem streitbaren Gammesfelder wiedergibt. Dem Zeitungsredakteur Sebastian Unbehauen ist mit diesem Werk nichts weniger gelungen als die Summe eines Lebens im Kampf.
Die Freude an diesem Buch, die Fritz Vogt zweifellos gehabt hätte, ist ihm verwehrt geblieben. Knapp drei Wochen vor seinem 90. Geburtstag, am 31. Oktober, ist der Mann gestorben, der als Bankrebell bundesweit bekannt geworden ist. Nun ist das Buch zu seinem politischen Vermächtnis geworden. „Wenige Wochen vor seinem Tod hat Fritz Vogt das Manuskript zu diesem Buch gelesen. Es war ihm wichtig, dass es genau so erscheint“, schreibt Sebastian Unbehauen.
Von 2015 bis 2020 hatte sich der heute 35-jährige Journalist mit Fritz Vogt in dessen Wohnhaus in Gammesfeld getroffen, unmittelbar neben der Raiffeisenbank, die Vogt so viel bedeutete. In der Stube, in der schon Vogts Vater die Geschäfte der Darlehenskasse geführt, also Geld angenommen und ausgezahlt hatte, unterhielt er sich mit ihm über Gott und die Welt – und das im wörtlichen Sinn.
Aus den Aufzeichnungen dieser Gespräche ist ein Buch geworden, das die Südwest Presse Hohenlohe jetzt in der Edition Hohenloher Tagblatt unter dem Titel „Du sollst nicht stehlen. Gespräche mit Fritz Vogt“ veröffentlicht. In einem Kapitel, in dem es um Geld geht, erläutert Vogt die zentrale Bedeutung des siebten christlichen Gebots, das im Titel zitiert wird. Alle zehn Gebote, auf denen das Grundgesetz und die Gesetzgebung aufbauten, könne man in diesem Gebot zusammenfassen. „Wenn ich töte, stehle ich meinem Mitmenschen das Leben. Wenn ich falsch Zeugnis rede und ihn so schlecht mache, stehle ich ihm seinen Ruf.“

Fritz Vogt stellte das christliche Gebot dem Kapitalismus entgegen

Am schärfsten prangert Vogt jedoch eine besondere Form des Diebstahls an, den Diebstahl durch den Besitz von Kapital. Geld, das sich vermeintlich von selbst vermehrt, ist ihm ein Gräuel – denn: „Geld arbeitet nicht, aber derjenige, der Geld braucht, arbeitet für den, der es hat“, sagt Vogt. Wenn Geld gehortet und teuer verkauft werde, sei das ein Verbrechen am Menschen.
„Eine Annäherung“ versucht Unbehauen im ersten Teil des Buchs. Er zeichnet das Bild eines Mannes, in dem der Zeitgeist den Widerstandsgeist geweckt hat, der vom Rechner einer kleinen Dorfbank zum „antikapitalistischen Bankdirektor“ geworden ist – wobei man im Falle Vogts mit dem Begriff des Bankdirektors natürlich vorsichtig sein muss. Als ein solcher hat sich der gelernte Landwirt und Biobauer nämlich nie verstanden – nicht allein, weil der Titel eines Bankdirektors zu einer genossenschaftlichen Bank mit gerade 150 Mitgliedern nicht gepasst hätte, sondern vor allem wegen des siebten Gebots. „Was ist ein Bankräuber gegen einen Bankdirektor? Der Bankräuber wird bloß einmal kriminell, der Bankdirektor ist’s sein Leben lang“, sagt Vogt.
Der Weg, den Vogt bis zu Auffassungen wie dieser zurückgelegt hat, hatte mit einer glücklichen Kindheit begonnen, natürlich in Gammesfeld, für Vogt der Prototyp des Dorfes, der „Brunnenstube der Gesellschaft“. Er erzählt, wie er mit drei Schwestern unter der Aufsicht einer frommen und strengen Mutter und unter den Augen seines friedlichen Vaters aufgewachsen ist, in einer Zeit, in der Kinder auf dem Land ganz selbstverständlich Arbeitskräfte waren. „Mit zehn Jahren habe ich die Heuwagen geladen. Das hat mir Spaß gemacht“, erzählt Vogt.
Wie alle Buben seines Alters gehörte auch Vogt der Hitlerjugend an. Dort erlebte er jedoch den „Moment der Besinnung“: In einem Wehrertüchtigungslager in Stimpfach, an dem er als 13-Jähriger teilnahm, gehörten brutale, judenfeindliche Lieder zum Programm. „Jetzt wusste ich’s: Die Nazis waren eine blutrünstige Bande“, ist seine Erkenntnis.
Natürlich spielte der Rechtsstreit, in dem sich die Raiffeisenbank Gammesfeld 1984 bis 1990 mit Erfolg gegen ihre Schließung gewehrt hat, ein wichtige Rolle für Fritz Vogt. Sebastian Umbehauen hat das komplizierte Verfahren in einem eigenen Kapitel handlich zusammengefasst. Aber als entscheidender und schwieriger empfand Vogt im Rückblick den Widerstand gegen die Pläne des Züblin-Konzerns, in Gammesfeld eine Erdverbrennungsanlage zu errichten. Anders als bei der Bank herrschte im Dorf keine Einigkeit, die Fronten gingen mitten durch Gammesfeld. Und die Auseinandersetzung belastete auch sein Verhältnis zu Karl Östreicher, dem CDU-Landtagsabgeordneten, der Vogts Freund von Jugend an war.

Politisches Manifest

In 22 Gesprächen, die Unbehauen in Interviewform wiedergibt, entstehen die Biografie und das politische Manifest eines Mannes, der an der Zerstörung der Natur leidet, sich gegen Unrecht stemmt und bei all dem auch noch seinen Humor behält. Vogt spricht über Landwirtschaft und Bertolt Brecht, über den Krieg und über das Glück, über Friedrich Wilhelm Raiffeisen und über Religion, über Freundschaft, Liebe und über seine Frau Else. „Man musste nicht immer einer Meinung mit Fritz Vogt sein. Aber es lohnte sich, ihm zuzuhören“ – so lautet die Bilanz Sebastian Unbehauens.
Mit „Du sollst nicht stehlen“ ist Unbehauen ein äußerst lesenswertes und spannendes Buch gelungen. Drei Tage vor dessen Fertigstellung ist Fritz Vogt gestorben. Der Bankrebell hätte bestimmt seine helle Freude an dieser Ver­öffentlichung gehabt.

Buch in Shops der Kreiszeitungen sowie online erhältlich


Der Autor Sebastian Unbehauen, Jahrgang 1985, stammt aus Reubach, einem Ortsteil von Rot am See. Nach dem Abitur am Gymnasium Gerabronn 2004 folgte in Tübingen das Studium der Geschichte und der Politikwissenschaften. 2010 trat Unbehauen als Volontär in die Redaktion des Hohenloher Tagblatts in Crailsheim ein. Seit 2012 ist er Redakteur. Gemeinsam mit Harald Zigan verfasste er 2015 eine historische Artikelserie, die unter dem Titel „Katastrophenjahre“ als Magazin erschien.

Das Buch „Du sollst nicht stehlen. Gespräche mit Fritz Vogt“ ist ab Mittwoch, 18. November, im HT-Shop in Schwäbisch Hall (geöffnet montags bis freitags von 9.30 Uhr bis 17 Uhr, samstags von 9. bis 12 Uhr, Telefon 07 91 / 40 40), im Rundschau-Shop in Gaildorf (geöffnet montags von 9 bis 12 Uhr, Telefon 0 79 71 / 9 58 80), im HT-Shop in Crailsheim sowie online unter shop.hallertagblatt.de erhältlich. Der Band umfasst 167 Seiten, enthält zahlreiche Bilder und kostet 15,90 Euro, für Zeitungsabonnenten 13,90 Euro. erz