Luder, komm. I ho äbbes für di“, ruft Alois Bahle (81) aus Kottspiel nach dem Mittagessen seinen Vogel. Meist dauert es nicht lange und er kommt mit einem freudigen „tschilp tschilp“ angeflattert. Vor allem, wenn es Spätzle gibt. Der Vogel landet auf seiner ausgetreckten Hand und frisst dort in Seelenruhe sein Mittagessen. An guten Tagen lässt er sich von Bahle dabei streicheln.

Luder ist ein Sperling, besser bekannt als Spatz. Ein „freches Luder“ von einem Spatz, erklärt Bahle seine Namensgebung. Denn an übermütigen Tagen setze er sich auch mal frech auf seinen Kopf oder seine Schulter und flattere mit großem Tamtam von hüben nach drüben. Ganz so, als ob er ihm etwas Wichtiges zu erzählen habe. „Ich weiß natürlich, was los ist“, verrät Bahle wissend. „Luder ist ein Weible und brütet gerade auf ihrem Nest.“ Dass es sich tatsächlich um „Frau Spatz“ handelt, bestätigt ihr Federkleid, das konturlos graubraun ist, im Gegensatz zu den weißwangigen Männchen mit schwarzem Latz.

Vor 90 Jahren ins Brunnenfeld

„Es fing im Sommer vor zwei Jahren an“, beginnt der Rentner zu erzählen und verliert sich in der Vergangenheit. In den drei Gewächshäusern hinter dem Wohnhaus im Brunnenfeld züchtet die Familie heute in der dritten Generation Gemüsejungpflanzen und Blumen. Bahles Schwiegervater Anton Riek siedelte in den 30er-Jahren aus dem Dorfkern dort hinaus. Er war Gemüsegärtner und versorgte zusammen mit seiner Frau Anna das Bühlertal mit saisonalem Frischgemüse: im Frühling Salat und Kohlrabi, im Sommer Tomaten und Gurken, im Herbst und Winter Rosenkohl, Blaukraut und Feldsalat.

Mit den ersten Einnahmen wurde ein Auto angeschafft, um auch auf dem Wochenmarkt in Schwäbisch Hall zu verkaufen. Dort erkannten Rieks Töchter, dass mit Blumen besseres Geld verdient werden kann als mit Gemüse. Das Sortiment wurde um einjährige Balkon- und Sommerblumen, den sogenannten Sommerflor, erweitert. Das Geschäft florierte – aus Frühbeeten wurden Folientunnel und aus ihnen die heutigen Glashäuser. „In den Glashäusern ist es herrlich warm“, beschreibt Bahle den ersten Begegnungsort mit seinem Luder.

Alles blüht und duftet dort: Sommerastern, Geranien, Petunien, Zinnien und Löwenmaul. Bienen und Hummeln lieben Gewächshäuser. Vögel fliegen durch die Lüftungsfenster rein. Ungeachtet von Vater und Sohn, die ruhig vor sich hinarbeiten. Spatzen sind neugierig. Vor allem die Weibchen. Wenn man sie nicht vergrault, kommen sie näher, gewöhnen sich an einen, merken sich den Tonfall der Stimme. „Irgendwann fiel mir der Spatz auf. Er kam immer näher, während ich am Pikieren war. Hat mich mit seinem Kopf so von schräg unten angeschaut. Ich hab mit ihm geredet. Und dann vom Mittagessen mal ein kaltes Spätzle mitgebracht.“

„Früher haben wir Spätzle im Laden verkauft“, schmunzelt Bahle in Erinnerung, „im alten Gefängnis von Bühlertann.“ Das kleine Haus an der Hauptstraße durch Bühlertann hat 1955 sein Schwiegervater der Gemeinde abgekauft und darin einen Blumen- und Lebensmittelladen für seine beiden Töchter Elisabeth und Annemarie eingerichtet. Gerlinde, die jüngste Tochter, übernahm die Gärtnerei in Kottspiel. „Nur ich blieb daheim übrig“, erklärt Gerlinde Bahle (76) ihre pragmatische Berufswahl. Weniger pragmatisch war die Wahl ihres Ehemannes, denn sie verliebte sich in keinen Gemüsegärtner, sondern in den Schäfer und späteren Fernfahrer Alois Bahle vom Heuhof in Bühlertann. Zu Vater Rieks Freude war schnell klar, dass Bahles Leidenschaft nicht nur seiner jüngsten Tochter und den Tieren galt, sondern auch den Gewächshäusern hinter seinem Haus, in denen Bahle alsbald nach Feierabend und am Wochenende mithalf. 1966 wurde Hochzeit gefeiert, fünf Jahre später kam Sohn Armin zur Welt, der heutige Chef der Gärtnerei.

Gemüse gibt es heute in der Gärtnerei Bahle nicht mehr. Genauso wenig wie Lebensmittel im Blumenlädle in Bühlertann. Trotzdem bleibt die Gärtnerei ihren Traditionen treu: Statt Gemüse gibt es heute Gemüsejungpflanzen, dazu Sommerflor aus Pflanzen, aufgezogen auf selbst kompostierter Erde, ganz ohne Chemie, umhegt und umpflegt im Familienbetrieb. Nur in einem breche die Tradition, sagt Junior-Chef Armin Bahle (49) schmunzelnd in Richtung seines Vaters: „Nach dem Tod meines Opas haben die Gärtnerei zwei Frauen geführt, nämlich meine Oma und meine Mutter. Jetzt schaffen hier wieder die Männer. Das heißt, wenn mein Vater nicht gerade Vogelgespräche führt.“

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