Landwirtschaft Diskussion zur Landwirtschaftskrise: Für ein maßvolles Umdenken?

Sie diskutierten über Landwirtschaftsthemen (von links): Klaus Mugele (Bauernverband), Maria Noichl (SPD-EU-Abgeordnete), Bürgermeisterin Jacqueline Förderer, Moderatorin Evelyne Gebhardt, Dr. Bernhard Walter („Brot für die Welt“) und Peter Meyer (BDM).
Sie diskutierten über Landwirtschaftsthemen (von links): Klaus Mugele (Bauernverband), Maria Noichl (SPD-EU-Abgeordnete), Bürgermeisterin Jacqueline Förderer, Moderatorin Evelyne Gebhardt, Dr. Bernhard Walter („Brot für die Welt“) und Peter Meyer (BDM). © Foto: Ursula Richter
Schrozberg / Ursula Richter 26.11.2016
„Wie kommen wir raus aus der Landwirtschaftskrise?“ Darüber diskutieren fünf Experten auf Einladung der SPD im Schrozberger Schloss. Die Europa-Abgeordnete Evelyne Gebhardt moderiert den Abend.

Am Donnerstagabend sind vier Fachleute für Landwirtschaft und Ernährung ins Schrozberger Schloss gekommen, um Perspektiven für Europas Landwirtschaft auszumachen. „Das ist genau der richtige Ort dafür.“, findet Jacqueline Förderer bei ihrer Begrüßung. „Wir haben hier 5700 Einwohner, 80 000 Schweine und 4000 Rinder. Die 7800 Hektar Ackerfläche machen 75 Prozent der Gesamtfläche aus“, erläutert die Bürgermeisterin von Schrozberg.

Evelyne Gebhardt moderiert die Veranstaltung. Die EU-Abgeordnete Maria Noichl (SPD) aus Rosenheim verlangt, wie auch Peter Meyer vom Bundesverband deutscher Milchviehhalter (BDM) und Dr. Bernhard Winter von „Brot für die Welt“, ein Umdenken in der Landwirtschaft. „Maßvoll“, sagt sie, „keine Agrar­wende.“

Klaus Mugele setzt das erste Fachthema: „Die Flächenprämien müssen bleiben. Die Direktzahlungen machen einen wesentlichen Anteil des Nettoeinkommens der Landwirte aus.“ Der Vorsitzende des Bauernverbands Schwäbisch Hall-Hohenlohe fragt: „Was will die SPD?“ Maria Noichl ist für eine Deckelung. „Vielleicht bei den ersten 100 Hektar.“

Auch Peter Meyer (BDM) stellt fest: „Es profitieren die Großgrundbesitzer.“ Und greift Klaus Mugele direkt an: „Der Bauernverband verteidigt die bestehenden Flächenprämien, weil in seiner Führung die größten Flächenbesitzer sitzen.“ Damit hat man, wie Evelyne Gebhardt gelassen konstatiert, „einen Dissens.“ Mugele bezweifelt eine einheitliche SPD-Linie und erwähnt Till Backhaus. Der ist seit 1998 SPD-Minister für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz in Mecklenburg-Vorpommern. Die Durchschnittsbetriebsgröße dort beträgt knapp das Zehnfache der baden-württembergischen.

Peter Meyer spricht sich dafür aus, den Arbeitszeitbedarf mit zu berücksichtigen. Auch Noichl stellt fest, dass die Ackerbauern beim jetzigen System bevorzugt würden gegenüber den Viehhaltern. „Wer fischt hier ab?“, fragt sie. „Oft sind es ganz große Konzerne.“ Sie ist für eine Bindung an die Zahl der Beschäftigten.

„Der Preis stimmt nicht“, stellt Noichl fest. Walter fordert: „Die Preise für die Lebensmittel müssen der Wahrheit entsprechen. Der Verbraucher bezahlt über die Steuern die Folgekosten für die Landwirtschaft.“ Mit diesem Thema ist man schnell bei der Debatte um einen regulierten oder liberalisierten Agrarmarkt. Der Milchpreis wird angesprochen. Die SPD-Abgeordneten haben 2013 im Europa-Parlament geschlossen gegen die Agrarreform und die Abschaffung der Milchquote gestimmt. „Wir sind jetzt genau an dem Punkt wie vor 30 Jahren“, stellt Maria Noichl fest. Sie benennt die Probleme, die die Quote damals gemacht habe. Trotzdem: „Wir brauchen eine Mengensteuerung.“ Sie ist für ein EU-Binnensystem. Das bringt den Vertreter des Bauernverbands auf: „Die SPD wird sich das nicht ernsthaft vornehmen“, glaubt er. Die bayerische Landwirtschaftspolitikerin Noichl hält dagegen und fragt die Landwirte im Publikum: „Wo hat Sie der Bauernverband bisher hingebracht?“

Dr. Bernhard Walter wendet sich gegen Billigproduktion und führt die Industrie als Beispiel an. Die deutschen Maschinen würden in der Welt auch nicht gekauft, weil sie so billig seien. „Wir haben die Kostenführerschaft für Magermilchprodukte“, kritisiert er. Wenn Exporte, dann sollten es Qualitätsprodukte sein. Bernhard Walter befasst sich mit dem Hunger in der Welt: „Die EU ist der größte Importeur und der größte Exporteur für Nahrungsmittel weltweit.“ Klaus Mugele stellt fest, dass die Entwicklungsländer die Möglichkeit haben, Einfuhrzölle festzulegen. Walter meint, es seien zwar viele Probleme im Süden hausgemacht. Aber der Druck auf die Länder sei groß.

Peter Meyer, der selbst einen Hof betreibt, spricht elementare Probleme an, die auch einige Besucher in der Fragerunde beschäftigen. „Wir können zwar wachsen“, sagt er und erzählt, dass er mit 32 Kühen angefangen und immer aufgestockt hätte. „Jetzt haben wir 100, und es geht uns nicht besser.“ Er macht sich Sorgen um die Hofnachfolge. „Es muss wieder interessant sein, Landwirtschaft zu betreiben. Das ist unser Auftrag für die Zukunft.“

Landwirtschaftliche Zahlen des Abends

Alle 23 SPD-Parlamentarier haben gegen die EU-Agrarreform gestimmt
1 Cent des Milchpreises bedeutet 320 Millionen Euro Einkommen der Milchviehhalter
10 Prozent des Einkommens geben die Deutschen für Lebensmittel aus
23 Prozent der Agrarexporte der EU gehen in Entwicklungsländer
125 Liter Wasser verbraucht jeder Bundesbürger am Tag
4000 Liter Wasser verbraucht er indirekt, wenn die Importwaren mitgerechnet werden
640 000 Quadratkilometer Fläche (die Größe Frankreichs) benötigt der Sojaimport der EU
Bei 110 bis 130 Prozent liegt der Selbstversorgungsgrad der EU mit landwirtschaftlichen Produkten
300 Euro Flächenprämie pro Hektar bekommen die Bauern von der EU
3 Prozent der Betriebe erhalten 50 Prozent der Flächenprämien
10 Millionen Euro Flächenprämie im Jahr gig an das insolvente Agrarunternehmen KTG
50 Prozent des Einkommens der deutschen Landwirte bestehen aus Flächenprämien
Im Schnitt 286 Hektar hat ein landwirtschaftlicher Betrieb in Mecklenburg-Vorpommern (2010)
30 000 Euro erwirtschaftet eine Familienarbeitskraft 2015 in der Landwirtschaft
3 Prozent der Betriebe besitzen 50 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Europa im Eigentum urs

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