Rot am See Fündig im Herzen Hohenlohes

Rot am See / Birgit Trinkle 10.11.2018
Bis zu seinem 70. Lebensjahr hat Herbert Schüßler halb Rot am See mit dem passenden Haarschnitt versorgt.

Herbert Schüßler zeigt seine Schätze vor. Hier eine Pastellkreiden-Malerei von Mistlau im Winter, dort ein Stück Eisenmeteorit, das vor vielen, vielen Jahren auf die Hohenloher Ebene niederging, und ein 220 Millionen Jahre altes versteinertes Ginkgo-Stück, das nach ihm benannt wurde. Ach ja: Er arbeitet an einem neuen Buch und auf dem Weg zu seiner Sammlung steigt er die Kellertreppe hinunter.

Das ist deshalb so bemerkenswert, weil der 78-Jährige noch im Frühjahr hörte, er werde den Rest seines Lebens im Rollstuhl verbringen. Weil er zeitweise nicht mal mehr seinen eigenen Namen lesen konnte, geschweige denn schreiben. Und weil um sein Leben gefürchtet wurde.

Wie dankbar sind die Eheleute jetzt, wo alles wieder gut ist und ein gutes Leben weitergeführt werden darf. Herbert Schüßler, im März 1940 geboren, hat Krieg noch bewusst erlebt. Er erinnert sich daran, bei der Ermordung eines polnischen Zwangsarbeiters hinter den Bahngleisen in Rot verständnislos-entsetzter kleiner Augenzeuge gewesen zu sein: „Ich hab ein bildhaftes Gedächtnis; in diesem einen Fall könnte ich gut darauf verzichten.“ Kindheit und Jugend waren von der Neugier und dem Interesse an der Welt geprägt, das auch den Erwachsenen auszeichnen sollte. Allen schönen Plänen und Wunschträumen waren freilich finanzielle Grenzen gesetzt. Der Vater war krank und verletzt aus dem Krieg heimgekehrt und schlug sich notdürftig mit einem kleinen Friseurladen durch. „An guten Tagen verdiente er neun Mark“, erinnert sich der Sohn. Und daran, dass die Oberschule in Crailsheim nicht nur 20 Mark Schulgeld bedeutete, sondern auch Kosten für Bücher und den Zug: Das Ganze war utopisch.

Drei Generationen frisiert

Also stieg der Bub mit 14 Jahren ins Friseurgeschäft ein, mit dem er dann 56 Jahre in Rot am See eine Institution war. Vom reinen Herrenfriseur entwickelte er sich ebenso weiter wie seinen Salon; zeitweise gab es sieben Beschäftigte, und Herbert Schüßler war zufrieden, weil er die ganze Zeit über als Autodidakt brachliegende Talente entdecken und entwickeln konnte. Er begann zu malen. Als Hobby-Geologe und -Archäologe lernte er mit jedem Sammlungsstück dazu, bis er mit Hunderten, ja Tausenden Funden selbst als ausgewiesener Kenner galt. Sein Wissen und die Liebe zur Heimat fasste er in Bücher und Buchreihen wie „Erlebtes Taubertal“, „Erzählungen und Bilder aus Hohenlohe-Franken“, „Muswiese“, „Aus Holz wird Stein“, „Im Herzen Hohenlohes“ oder „Unbekanntes Hohenlohe-Franken“. Krönendes Werk dürfte der mit prächtigen Bildern bestückte Band „Entstehung und Rätsel der Hohenloher Feuersteine“ sein. Mit den Jahren hat er bemerkenswerte Funde mit ebensolchen Theorien verbunden, mit denen sich nun die Fachwelt auseinandersetzt. Die Koordinaten seines Hauptfundorts auf der Hohenloher Ebene sind mit gutem Grund streng gehütetes Geheimnis. Aber auch überall sonst hielt und hält Schüßler die Augen offen: „Ein Spaziergang mit ihm ist schwierig“, hat seine Frau Anita immer gesagt: „Er schaut immer nur auf den Boden.“

Die Frau an seiner Seite

Apropos Anita Schüßler. Sie dürfte in diesem Sammlerleben der größte Schatz sein, und Schüßler selbst formuliert das ganz ähnlich: „Dem Schuckhof habe ich nicht nur viele Steine, sondern auch meine Frau zu verdanken.“ Seine Frau hat als Friseurin an seiner Seite gearbeitet, sie hat seine Bücher getippt und Platz für seine Sammlungen geschaffen. Gemeinsam haben sie um eine Tochter getrauert. Und als er im Februar dieses Jahres aus bis heute ungeklärter Ursache geistig und körperlich völlig zusammenbrach, war sie es, die nie aufgegeben hat.

Ein Ausnahme-Chirurg hat schließlich zwei Lendenwirbel neu aufgebaut, hohen Kortison-­Dosierungen waren erste Verbesserungen zu verdanken, aber letztendlich ist die Krankheit so unerklärlich verschwunden, wie sie gekommen ist. Und so kann Herbert Schüßler heute wieder seine Schätze vorzeigen, ein Buch schreiben und die Treppe in den Keller hinuntersteigen.

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