Der Abend erinnert an die José Carreras Benefiz-Gala zum Kampf gegen Leukämie. 34 nationale Künstler lockten rund 200 Gäste ins Dorfgemeinschaftshaus nach Fronrot. Stars, die sich nach ihrem Auftritt nicht an eine Spendenhotline setzten, sondern sich unters Publikum mischten – schließlich ist man in Fronrot und nicht im Fernsehen. Gespendet wird trotzdem. Im Kässchen waren am Ende stattliche 2000 Euro. Statt Champagner gab es Sekt, Wein und Bier. Statt exklusiven Horsd’oeuvre Gulaschsuppe und belegte Brötchen, gesponsert von regionalen Firmen und Freunden der Familie Heese – um die geht es am Samstag.

Nicht um den Kampf gegen Leukämie, sondern um den Kampf gegen die Leukämie ihres sechsjährigen Sohnes Niklas. Entsprechend fließt der Erlös der Veranstaltung nicht in Forschungsprojekte, sondern geht an die Eltern, damit sie für ihr Kind da sein können während der stationären Chemophasen in der Uniklinik Heidelberg.

Musikverein probt direkt vor Ort

Um acht Uhr ist Einlass. Da probt der Musikverein Bühlertann sein letztes Stück. „Wir haben sofort zugesagt, aber keinen Probetermin gefunden“, erklärt Dirigent Friedrich Mück (32). Spontan hat er ihn eine Stunde vor Saalöffnung anberaumt. Improvisiert wird oft. So fasste die Bühne nur 20 Musiker. „Wir haben 26 drauf gepackt“, sagt Mück.  Eine von fünf Klarinettistinnen in der Reihe vor der Bühne ist Andrea Schuska (41): „Ich will auch dabei sein, weil ich die Heeses kenne und mag und so helfen kann.“

Helfen wollen am Samstag viele. Kein Künstler möchte eine Gage, der Musik- und Gesangsverein Fronrot keine Hallenmiete. Obendrein stehen die Hallenwarte Conni und Josef Hald gut gelaunt in der Küche. Unterstützt werden sie von Wolfgang und Silvia Müller, den Eltern von Konzertorganisator Michael Müller. Der seine ganze Familie dabei hat, hinter dem Mischpult sitzen seinen Brüder Andi und Martin. Selbstredend ehrenamtlich. Bürgermeister Florian Fallenbüchel ist da. Und auch die Mannschaft, Trainer und Vorstände des SC Bühlertann, wo André Heese im zentralen Mittelfeld kickt. Die Garde Königsblau, in der seine Frau Sabrina tanzt, ist dabei und viele Tänzerinnen anderer Bühlertanner Garden. Sie alle helfen mit, wenn’s klemmt und hängt.

Zahlreiche Künstler wechseln sich bei Benefizkonzert ab

Das Konzert ist unplugged, sprich live. Die Künstler wechseln zwischen ruhigen Songs und Partyschlagern. Damit ist das Publikum erst mal überfordert, findet aber im Laufe des Abends zu seinem Rhythmus. So rücken die Frauen in die erste Reihe, nachdem der Musikverein abtritt und Platz für Jonas Nagy (19) aus Bühlerzell macht. Das Licht geht aus, die Handytaschenlampen an. Im Publikum wird gemunkelt, dass Nagy in der nächsten Staffel von „The Voice of Germany“ dabei sei. Nach seinem Auftritt ist klar, dass er das Zeug dazu hätte.

Youtuber Kai Bauder (25) aus Gaildorf betritt die Bühne. Der IT-ler bei Bechtle in Neckarsulm ist im Ort bekannt aus seiner Zeit als Sänger in der Bühlertanner Schulband. Bei seinem Song „Das ist mein Leben“, kämpft Bauder live mit den Emotionen. „Ich hab ein Patenkind, das lieb ich wirklich sehr…“ heißt es in dem Song. Ein Patenkind, das den Krebs überlebte. „Wie sehr wünsche ich den Heeses so einen Ausgang“, sagt Bauder.

Frankenhardt

André und Sabrina Heese, die Eltern des an Blutkrebs erkrankten Niklas, sind ebenfalls vor Ort. Sabrina tanzt den ganzen Abend tapfer in der ersten Reihe. „Tanzen war eigentlich immer mein Ding“, sagt die Tänzerin der Garde Königsblau, aber im Moment falle es ihr schwer. Sie sei erst am Nachmittag mit Niklas aus der Uniklinik Heidelberg zurückgekommen. „Es machen so viele Leute grad was für uns. Wir können uns gar nicht bei allen bedanken“, sagt André Heese (31).

Der Abend in Fronrot ist ein voller Erfolg

Kurz vor Mitternacht betritt Solosängerin Anka Vogel (23) aus Bühlertann die Bühne, auch sie war Mitglied der Schulband. Nach Bauders Deutschrock singt sie englische Klassiker wie „Let it be“ und „Country Roads“. Währenddessen trinkt Carina Maurer (29), Sängerin von „Two of us“, Kamillentee. Sie ist zusammen mit ihrem Verlobten Ralf Trautmann als nächstes dran. Obwohl sie Grippe hat, will sie auf keinen Fall auf ihren Auftritt verzichten. Auf der Bühne singt sich Carina mit viel Emotion in Stimme und Stimmung, auf die Pepe Palme (38) aus Pforzheim aufspringt. Wer noch kann, feiert mit dem Mallorca-Ballermann-Künstler ab. Der hat eine Geschichte zu erzählen: Mitte Dezember habe ihn die DKMS Tübingen angeschrieben, dass er als Spender in der engeren Wahl sei. Zwei Tage vor Weihnachten gab er Blut ab. Jetzt kam der Anruf, dass er am Mittwoch spenden darf.

Dann gibt er das Mikrofon den Organisator des Benefizkonzertes, Schürze, weiter. Der holt zum Schluss noch einmal alle Künstler auf die Bühne und bedankt sich singend beim Publikum: „Wenn die Arbeit getan und der Abendfrieden beginnt. Schau‘n die Menschen hinauf, wo die Sierra im Abendrot brennt. Und sie denken daran, wie schnell ein Glück oft vergeht. Und aus tausend Herzen erklingt es, wie ein Gebet. Sierra, Sierra Madre del Sul…“

Stimmen aus dem Publikum


Michael Müller (29), Organisator des Benefizkonzerts und Fußballkollege von André Heese: „Die Heeses waren immer für uns da, jetzt sind wir für sie da.“

Christoph Ulreich (53), Vorstand SC Bühlertann: „Ich bin da, um die Aktion zu unterstützen und zweitens, weil ich sonst allein daheim gewesen wäre: Meine Frau und meine Kinder sind auch da.“

Lisa Schepperle (20), Postbotin: „Ich hatte noch nie so viele DKMS-Registrierungspakete in Bühlertann und Obersontheim wie die letzten Wochen.“

Florian Fallenbüchel (38), Bürgermeister Bühlertann: „Ich finde das begeisternd, wie Bühlertann heute gezeigt hat, was in Bühlertann steckt. Es ist schön, dass so viele Menschen die Familie Heese unterstützen.“

Jan-Erik Hirsch (20), Student aus Obersontheim: „Das ist eine mega Aktion. Gute Musik hören, bissle was trinken und essen für einen guten Zweck.“

Jana Thome (24), Studentin aus Bühlertann: „Perfekter Abend: Ein Thema das jeden was angeht und die Musik ist auch richtig gut.“

Andre Werner (29), ehemaliger Fußballer aus Vellberg: „Auf dem Sportplatz sind wir Rivalen. Heute ist das eine zwischenmenschliche Geschichte, da muss man zusammenhalten.“