Der gelbe Brief vom ­Regierungspräsidium Karlsruhe, Abteilung 8, verheißt nichts Gutes. Er erreicht Assan C. am 4. Oktober in der Landeserstaufnahmestelle (LEA) Ellwangen. „Sie sind vollziehbar ausreisepflichtig. Die Ihnen gesetzte Ausreisefrist ist bereits abgelaufen“, heißt es darin, und weiter: „Die Abschiebungsandrohung ist vollziehbar. Die Vorbereitungen für Ihre Abschiebung wurden eingeleitet und konkrete Maßnahmen der Aufenthaltsbeendigung stehen unmittelbar bevor.“

Assan C. kommt aus Gambia. Er verliert seine Familie bei einem Brandanschlag, da ist er 16. Er verlässt das Land, um sein Leben zu retten. Die Flucht führt über Libyen und das Mittelmeer nach Italien. Seitdem läuft Assan zwar offiziell als Hassan, aber daran ändern auch seine Beschwerden nichts. Als er volljährig ist, wird er auf die Straße gesetzt, fast täglich ist er mit Rassismus und Gewalt konfrontiert. Seine Flucht geht weiter: Deutschland. Nordrhein-Westfalen, Heidelberg, Ellwangen. Es ist Ende 2018.

Dass Assan C., heute 19 Jahre alt, sich in einem schlechten Zustand befindet, davon zeugen auch ärztliche Stellungnahmen. „Der junge Mann ist sehr belastet, aufgeregt, hat Albträume und braucht viel Ruhe. Er hat im Jahr 2016 erlebt wie seine Eltern und sein Zwillingsbruder ermordet wurden“, schreibt eine Psychologin. „Er hat sehr gekämpft, um hierher zu kommen, möchte eine Ausbildung als Pfleger machen und lernt Deutsch. Deshalb befürworte ich sehr, dass er in Deutschland bleibt, damit er sich stabilisieren kann und ein neues Leben beginnen kann.“

Assan ist „kein Fall von Asyl, sondern ein Fall von Humanität“

Aber diese Sicht der Dinge interessiert nicht. Assan C. muss zurück nach Italien. Deutschland ist gemäß Dublin-Verordnung nicht für ihn zuständig. Und deswegen hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge seinen Asylantrag als unzulässig abgelehnt. Es gibt keine Widerspruchsmöglichkeit mehr.

„Ich komme nicht her, um etwas wegzunehmen. Ich komme, um etwas zu geben“, sagt Assan C. An einem Freitag vor einigen Wochen sitzt er im Wohnzimmer von Anne Zundler in Ellwangen. Zur Jogginghose trägt er ein T-Shirt seines Sportvereins DJK-SG Ellwangen. Zundler, 58, kümmert sich um ihn, sie hat selber Kinder. Kürzlich hat sie eine Petition beim Landtag von Baden-Württemberg eingereicht: keine Überstellung nach Italien – eilt! Sie findet, dass man es nicht mit einem Fall von Asyl zu tun habe, sondern mit einem Fall von Humanität. Es dürfe „nicht nur die juristische Ebene“ berücksichtigt werden, es ginge auch „um den moralischen Anspruch“ des Staates, ein Leben zu schützen. Assan sei schließlich „mutterseelenallein auf dieser Welt“.

Was Zundler „völlig widersinnig“ erscheint: „dass engagierte und gut integrierte Asylbewerber abgeschoben werden und unser Bundesgesundheitsminister stattdessen Pflegekräfte in Mexiko ­anwirbt“. Dazu muss man wissen, dass Assan C. zum 1. Oktober eine Ausbildung als Altenpflegehelfer im St.-Anna-Seniorenheim in Stimpfach hätte anfangen können, doch er bekommt keine Ausbildungsduldung.

Wenn Heimleiterin Antonie Freisinger an sein Schicksal denkt, dann läuft es ihr „eiskalt den Buckel runter“, wie sie es formuliert. „Das versteht der gesunde Menschenverstand nicht.“ Assan sei „ein sehr offener, fröhlicher und begeisterungsfähiger junger Mann“, der „bei allen einen super guten Eindruck hinterlassen“ habe. „Ich brauche dringend Menschen, die sich um unsere Bewohner kümmern“, betont Freisinger. Es sei „egal, wo sie herkommen, wenn sie gute Pflege machen“.

Zum Treffen in Ellwangen hat Assan C. auch Urkunden und Zeugnisse mitgebracht. Im Juli wird er vom Ostalbkreis „für hervorragende Leistungen“ ausgezeichnet, im Schuljahr 2018/2019 legt er den besten Abschluss im Deutschkurs, Niveau A 2, hin. Als Beweis dafür zeigt er einen Zeitungsartikel. In der Schule hat er bis auf Rechnen in allen Fächern ein „sehr gut“.

Assan C. besucht das Kreisberufsschulzentrum Ellwangen. Seine Klassenlehrerin Julia Reinhardt beschreibt den jungen Mann aus Gambia als motiviert, pünktlich, höflich. Er sei „ein Vorbild“, heißt es. Das lässt Reinhardt über Jugendberufshelferin Julia Biegert ausrichten. Die findet es „furchtbar“, dass er abgeschoben werden soll.

Zu Wohnzwecken hat das zuständige Regierungspräsidium (RP) Karlsruhe Assan C. ein Zimmer in der LEA in Ellwangen zugewiesen, dort muss er sich montags bis freitags von 2 bis 8 Uhr aufhalten. Samstags und sonntags wird nicht abgeschoben, an den Tagen versucht er sich den Schlaf zurückzuholen, den er unter der Woche nicht bekommt.

Bis 8 Uhr vor Ort bleiben sei nicht möglich, schreibt Assan C. ans RP zurück, „da ich bereits um 6.30 Uhr aufstehe und spätestens um 7 Uhr die Erstaufnahmeeinrichtung verlasse“. Er muss zur Schule. Es sei „bewundernswert, mit wie viel Energie er kämpft“, sagt Anne Zundler.

Natürlich hat Assan C. Angst. Manchmal weint er auch, und er betet. „Alles ist in Gottes Hand“, sagt er. „Jede Nacht kommt die Polizei und holt welche ab.“

Polizei soll Abschiebungen aus der Schule durchziehen

Die Polizei war im Oktober auch schon zweimal im Kreisberufsschulzentrum Ellwangen, um Alfred N., 43, aus Kamerun abzuholen. Wer an Abschiebungen und Berufsschulen denkt, der denkt unweigerlich an Nürnberg. Im Mai 2017 solidarisierten sich Schüler mit einem afghanischen Flüchtling, es kam zu Tumulten, die Abschiebung wurde so verhindert.

Peter Lehle, der Schulleiter des Kreisberufsschulzentrums Ellwangen, versteht nicht, warum das RP Karlsruhe als Ort des Vollzuges die Schuladresse angibt. Das zwinge die Polizisten geradezu, an den Schulen zu handeln. Lehle will nicht mitverantworten, was dann bei einer möglichen Festnahme im Klassenzimmer geschehen könne. Deswegen hat er jetzt auch beim RP interveniert.

Außerdem treffe es an der Schule die Falschen, betont Lehle: „Festgesetzt werden dann ausgerechnet die, die auf einem guten Weg und am besten integriert sind.“ Und was noch schlimmer sei: Andere Schüler mit Ausbildungsduldung kämen aus lauter Angst nicht mehr in die Schule, verstießen damit gegen ihre Auflagen und würden gerade durch diesen äußeren Druck kriminalisiert.

Doch Alfred N. wollte nie nach Deutschland. Der dreifache Familienvater arbeitete als Pfarrer sowie als Fernseh- und Radiojournalist in Kamerun. Weil er politisch verfolgt wird, will er einen Kongress in Südafrika nutzen, um sich nach Kanada abzusetzen. Seine Familie soll nachkommen. Warum Kanada? Weil dort wie in Kamerun Englisch und Französisch Amtssprachen sind.

Der Weg von Alfred N. führt Anfang Februar mit dem Flugzeug über Europa und endet mit dem Zwischenstopp in München im Transitbereich. Beim Einchecken nach Toronto am nächsten Tag stellt sich heraus, dass das Visum für Kanada, das er in Südafrika beantragte, fehlerhaft ist. Es taucht gar nicht erst im System auf. Daraufhin hält die Polizei ihn fest, nimmt ihm den Pass ab und schickt ihn nach der Vernehmung nach Karlsruhe. „Brauchen Sie einen Anwalt?“ An diese Frage erinnert er sich noch.

Im August wurde der Asylantrag von Alfred N. als offensichtlich unbegründet abgelehnt, ebenso eine Ausbildungsduldung – obwohl er wie Assan C. einen Ausbildungsvertrag in der Tasche hat. Sein Arbeitgeber wäre Habila Rabenhof in Ellwangen, Beginn auch hier: 1. Oktober. Eigentlich.

Was das Problem beim Kameruner ist, schildern Christa und Joseph Ott, beide 53, aus Ellwangen. Zwei Jahre Ausbildungsvertrag reichten dem RP nicht, aber das erfuhren sie erst, als die Frist abgelaufen war. Da half auch der zweijährige Anschlussvertrag nichts, den sie wenig später nachreichten. „Der Betreffende hat seinen Antrag auf Ausbildungsduldung zeitlich erst nach der Einleitung aufenthaltsbeendender Maßnahmen gestellt“, antwortet das RP Karlsruhe auf Nachfrage unserer Zeitung.

Die Otts wohnen nur ein paar Straßen von Anne Zundler entfernt. Sie kennen Alfred N. aus der LEA und helfen ihm bei allem, was ansteht. „Wie soll ein Flüchtling so was allein bewerkstelligen?“, fragt sich Joseph Ott. „Das ist ja irre.“

„Eine Farce, was hier abläuft“

Jetzt versteckt sich Alfred N. vor der Polizei, gemeldet ist er noch in Rheinfelden bei Lörrach. Joseph Ott beschleicht dieses Gefühl: „Jetzt haben wir einen. Das ziehen wir durch. Gegen den Bürgerwillen.“ Was er nicht versteht: „Hier sitzt einer, der ist integrationswillig, will sofort Altenpfleger werden, würde Steuern zahlen und wäre eine gesellschaftliche Stütze.“

Als Joseph Ott noch für die CDU im Ellwanger Rat saß, setzte er sich für die Verlängerung der LEA ein, weil er der Überzeugung war, „dass wir hier vieles Gute bewegen können, wenn man uns auch lässt“. Mittlerweile klingt das bei ihnen so:

Wir verlieren den Glauben an den guten Willen in der Verwaltung und in der Politik.

Für Christa Ott ist es „eine Farce, was hier abläuft. Das Ehrenamt wird mit Füßen getreten.“

Allein 100 E-Mails in den vergangenen drei Wochen, Telefonate nicht mitgezählt. Der Fall von Alfred N. belastet auch ihre Familie. „Man geht mit dem Gedanken ins Bett und steht mit dem Gedanken wieder auf“, sagt Christa Ott. Die Ironie sei, fügt Tochter Anna hinzu, dass sich Alfred N. so um andere gekümmert habe. Wenn ausgerechnet er abgeschoben würde, dann würde das ein falsches Signal an alle Flüchtlinge in Ellwangen senden.

Assan C. aus Gambia hofft da­rauf, dass die Überstellungsfrist in fünf Wochen ausläuft. Dann würde sein Asylverfahren nämlich in Deutschland geführt. Fünf Wochen noch. „Das ist wie fünf Jahre“, sagt er. Das schreckliche Warten vertreibt er sich am Wochenende mit „ein bisschen schlafen, ein bisschen Deutsch lesen, Hausaufgaben machen“. Und dann geht es mit Freunden noch zum Kegeln.

Alfred N. aus Kamerun kann zum jetzigen Zeitpunkt nur eine Einzelfallentscheidung durch den Petitionsausschuss helfen. „Richtig. Ankommen“ – so steht es auf seiner Teilnahmebescheinigung vom Rechtsstaatsunterricht für Flüchtlinge. Alfred N. ist nie richtig angekommen, er ging in der Zwischenwelt verloren. Oder, um im Bild zu bleiben: Er kam nicht aus dem Transitbereich raus.