Schwäbisch Hall Flavia Wolf kam aus Brasilien nach Hall

Flavia Wolf, 52 Jahre, reiste vor 23 Jahren ihrem späteren Ehemann nach Deutschland hinterher. Den Keramikengel hat sie selbst getöpfert. Fotos: Anna Berger
Flavia Wolf, 52 Jahre, reiste vor 23 Jahren ihrem späteren Ehemann nach Deutschland hinterher. Den Keramikengel hat sie selbst getöpfert. Fotos: Anna Berger © Foto: Anna Berger
Schwäbisch Hall / ANNA BERGER 07.11.2014
Meine Kindheit in Brasilien war wunderschön. Ich bin als viertes von sechs Kindern in einem großen Haus in Recife, einer Großstadt im Nordosten Brasiliens, aufgewachsen. Meine Familie ist sehr musikalisch. Am Wochenende sind die Brüder meines Vaters oft zu uns gekommen und haben getrommelt.

Dafür haben sie sich in einem Sambakreis aufgestellt. Wir Kinder und die Frauen haben dann in der Mitte getanzt und gesungen. Es war magisch.

Ich wäre vermutlich nie von dort weggegangen, wenn ich meinen späteren Mann, Mathias Wolf, nicht kennengelernt hätte. Er besuchte in Brasilien Freunde, die ich auch gut kannte. Als er wieder in Deutschland war, haben wir uns erst Briefe geschrieben und telefoniert. Irgendwann hat er mich dann eingeladen. Ich habe damals für die Stadt in unterschiedlichen Museen gearbeitet. Mein Chef hat mir erlaubt, mir für sechs Monate frei zu nehmen, um zu Mathias zu fliegen. Am Ende bin ich dann hier geblieben.

Das ist 23 Jahre her. Mittlerweile ist Deutschland zu meiner zweiten Heimat geworden. Das sieht man schon an meiner Wohnung in Eltershofen. Wie ich, hat sie etwas von beiden Ländern. Ein Beispiel: Statt eines Sofas habe ich eine brasilianische Hängematte im Wohnzimmer. Wenn es kalt wird, lege ich ein deutsches Schaffell rein. Ich mag die Mentalität der Deutschen und ich habe viele Freunde hier. Außerdem habe ich bei der Diak-Altenhilfe in Schwäbisch Hall eine gute Arbeit. Trotzdem wird Deutschland für mich immer exotisch bleiben.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie schockiert ich war, als ich damals in Deutschland gelandet bin. Die Leute waren sehr zurückhaltend. Und dann war ich plötzlich nicht mehr ich selbst: Ich war auch zurückhaltend. Das kannte ich von mir nicht. In Brasilien versuchen wir immer, Kontakt zu Fremden aufzunehmen. Notfalls benutzen wir Hände und Füße, um mit ihnen zu kommunizieren. Das war hier anders. Ich musste erst lernen, dass die Deutschen die Arme zunächst verschlossen haben, sie aber öffnen, wenn es passt.

Jedes Jahr im Februar fliege ich nach Brasilien. Das hilft mir, die kalte Zeit zu überstehen. Außerdem muss ich an Fasching einfach in Brasilien sein. Fremd fühle ich mich dort nie, obwohl ich schon so viele Jahre in einem anderen Land lebe. In Brasilien sind meine Wurzeln. Das ändert sich nicht.

Aufgezeichnet von Anna Berger