Fasnet: Dem wahren Selbst näherkommen

Im Fasching können wir sie rauslassen, unsere ungezügelte, wilde und triebhafte Seite. Viele kommen damit ihrem wahren Ich näher. Foto: Beate Reuter-Manz
Im Fasching können wir sie rauslassen, unsere ungezügelte, wilde und triebhafte Seite. Viele kommen damit ihrem wahren Ich näher. Foto: Beate Reuter-Manz
SWP 01.03.2014
Gedanken zum Sonntag von Pastoralreferent Wolfram Kaier aus Schwäbisch Hall.

Karneval. Fleisch, lebe wohl. An Fasching dürfen wir so richtig die Sau raus lassen. Ob als schwerer Junge oder als leichtes Mädchen, ob als Playboy oder als Gangster, hinter der Maske können wir unser wahres Gesicht zeigen. Wir müssen uns manchmal verkleiden, um unsere ungezügelten und wilden Seiten, unsere animalische Natur wahrzunehmen.

Im Alltag verdrängen wir das Animalische und Abgründige in uns lieber oder betrachten es aus sicherer Distanz. Im normalen Leben setzen wir lieber die Maske des Edlen, Hilfreichen und Guten auf. Trotzdem ist sie da, unsere wilde, ungezügelte, triebhafte Seite, unsere animalische Natur.

Vielleicht bin ich freundlich und hilfsbereit, weil ich auch anerkannt und bewundert werden möchte. Vielleicht ist meine mitfühlende Art ja auch nur die Kehrseite meiner Aggressivität. Vielleicht verteidigt mancher das Alte und Bewährte nur deshalb so unnachgiebig, weil er Angst vor Veränderung und Neuem hat. Vielleicht muss einer die Spielarten der Sexualität deshalb so bekämpfen, um seine eigenen Leidenschaften in Schach zu halten. An Fasching setzen wir Masken auf und zeigen damit unser wahres Gesicht.

Von Jesus wird erzählt, dass der Geist Gottes ihn in die Wüste getrieben hat (Markus 1,12-13). Ein Mensch, der in die Wüste geht, will der Wahrheit seines Lebens begegnen. Er sucht sich selber, und er sucht Gott. Nichts lenkt ab, niemand ist da, dem wir etwas vorspielen müssen. In diesem Moment begegnet Jesus wilden Tieren. Wir können diese Geschichte so verstehen, dass Jesus in der Abgeschiedenheit der Wüste seinem wahren Selbst begegnet, den wilden Tieren seiner Seele. Ich finde es aufschlussreich, wie er mit diesen wilden Tieren umgeht. Er bekämpft sie nicht, sondern er lebt mit ihnen. Im gleichen Augenblick dienen ihm die Engel.

Wer nur seine guten Seiten gelten lassen will, wirkt eher unglaubwürdig - selbst wenn er immerzu von Gott redet. Zu unserem ganzen Menschsein gehören auch unsere vermeintlich dunklen Seiten. Je mehr wir sie verleugnen, desto mehr beherrschen sie uns. Je mehr wir sie aber erkennen und anerkennen, desto mehr werden sie uns nutzbar dafür sein, unsere gesamte Persönlichkeit zu entwickeln. Die wilden Tiere, die uns zu verschlingen drohten, werden zu dienstbaren Engeln.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine glückselige Fasnet, damit wir unserem wahren Selbst näherkommen.