Hilfsprojekt Fairer Handel geht auch ohne Siegel

Blaufelden / Anna Berger 20.01.2018

Wer das Lager des Saatgutvermehrers Rieger-Hofmann in Raboldshausen betritt, wird von einer wilden Geruchsmischung aus Kräutern und Heu empfangen. Hier werden die Samen der Wildblumen, die die Riegers auf ihren Feldern anbauen, gelagert und für den Verkauf zusammengestellt. Vor mehr als 30 Jahren hat Ernst Rieger mit der Vermehrung und dem Verkauf von Saatgut begonnen. Heute arbeitet die Firma Rieger-Hofmann mit 60 Anbauern aus weiten Teilen Deutschlands zusammen.

Seit gut sieben Jahren steht ihr Name nicht mehr nur auf Wildblumenmischungen, sondern auch auf der Verpackung eines anderen Produkts: Kaffee. Der lagert neben dem Saatgut in großen grau- braunen Jutesäcken in einer der Riegerschen Lagerhallen. „Riegers Café de la Amistad“ steht in schwarzen Lettern auf den Säcken. Aus dem Spanischen übersetzt bedeutet das „Kaffee der Freundschaft“. Unter diesem Namen verkaufen die Saatgutvermehrer ihren Kaffee.

Angebaut wird er im Sierra Juárez-Gebirge im Staat Oaxaca in Mexiko. Das Gebiet liegt im Süden des Landes. Die bewaldeten Hänge des Gebirges reichen von 500 bis in eine Höhe von mehr als 3000 Metern. Die Menschen, die dort leben, nennen sich selbst das „Wolkenvolk“. So romantisch der Name klingen mag, das Leben der Ureinwohner vom indigenen Volk der Zapoteken ist oft alles andere als das. „Viele Menschen leben dort in sehr ärmlichen Verhältnissen“, sagt Johannes Rieger.

Kennengelernt hat der 32-Jährige die Lebensbedingungen der mexikanischen Ureinwohner 2009. „Ich war damals eigentlich bei einem Kongress in Mexiko“, erzählt der gelernte Staudengärtner. Anschließend sei er noch mit einem Mitarbeiter des Evangelischen Entwicklungsdiensts in die Bergregion gereist und habe dort erste Kontakte mit der Genossenschaft Unosjo geknüpft, die die Hochlandbauern im Sierra Juárez-Gebirge bei ihrer Arbeit unterstützt.

Die Idee, den Bauern Kaffee abzukaufen und ihn in Hohenlohe auf den Markt zu bringen, entstand allerdings erst ein Jahr später. Da reisten seine Eltern mit einer Gruppe des Bündnisses „Gentechnikfreies Hohenlohe“ und des Evangelischen Entwicklungsdiensts in die Region. „Wir waren eigentlich dort, um die Bauern davon zu überzeugen, dass sie den Mais, der dort seit Jahrhunderten angebaut wird, weiter kultivieren sollen“, erzählt Ernst Rieger. Im Norden des Landes, nahe der Grenze zu den USA, hätten viele Bauern bereits auf den Mais des Saatgut- und Düngemittelgiganten Mon­santo umgestellt. „Wir wollten verhindern, dass das in den kleinen Bergdörfern auch passiert.“

Da viele der Hochlandbauern ihre Felder mit Mischkulturen bestellen, ging es schnell aber nicht mehr nur um Mais, sondern auch um Kaffee. „Die Bauern haben darüber geklagt, dass sie gerade einmal einen Euro pro Kilo erhalten und uns gefragt, ob wir Kaffee für sie verkaufen könnten“, erzählt er. „Meine Frau und ich haben uns dann angeschaut und gesagt: Probieren wir es. Vielleicht können wir etwas Gutes tun.“ Sie konnten.

Zunächst orderten die Riegers eine verhältnismäßig kleine Menge Kaffee: 1,5 Tonnen. „Wir wussten ja gar nicht, ob der Kaffee überhaupt schmeckt und wir Abnehmer dafür finden“, erklärt Ernst Rieger. Die Sorge entpuppte sich als unbegründet. Die Nachfrage war so groß, dass sie schon im dritten Jahr ihren eigenen Container mit zehn Tonnen Rohkaffee füllen konnten.

„Als die Ladung das erste Mal hier ankam, waren nur mein Vater und ich da“, erinnert sich Johannes Rieger. Zehn Tonnen Rohkaffee in 69 Kilo-Säcken schafften sie damals zu zweit in zwei Stunden aus dem Container ins Lager. Jede weitere Stunde hätte die Riegers ein kleines Vermögen gekostet. Das Hauptproblem: „Wir mussten alles von Hand aus dem Container schaffen, weil die Säcke dort nicht auf Paletten gelagert werden.“ Im Container zähle jeder Quadratzentimeter. Paletten würden schlicht zu viel Platz wegnehmen.

Seit einigen Jahren hält sich die Lieferung aus Mexiko mehr oder weniger stabil bei zehn Tonnen. „Die Bauern ernten nicht immer den gleichen Betrag“, erklärt Johannes Rieger. Darum lagern immer einige Säcke auf Vorrat im Lager der Riegers. „Wir haben Kunden, bei denen hat der Kaffee einen festen Platz im Regal. Da darf der Kaffee nicht ausgehen“, sagt der 32-Jährige.

Im Rohzustand kann Kaffee bis zu drei Jahre gelagert werden, ohne Geschmack zu verlieren. Wichtig sei, dass er trocken und kühl gehalten wird, erklärt Johannes Rieger während er in einen Sack greift, um ein paar Bohnen hellbraunen Rohkaffees herauszuholen. Nicht nur die Farbe, auch der Geruch erinnert wenig an die gerösteten Bohnen, die Menschen den Start in den Tag erleichtern. „Ich würde den Geruch vielleicht mit dem von Gras vergleichen“, sagt er. Tatsächlich erinnert er mehr an eine frisch gemähte Sommerwiese als an Kaffee.

Palettenweise wird der Kaffee vom Riegerschen Lager zur Rösterei gefahren. „Dort wird er lange Zeit auf niedriger Temperatur geröstet“, erklärt Johannes Rieger. „Dadurch ist er aromatischer als Kaffee, der nur kurz auf einer hohen Temperatur geröstet wurde.“

Die Riegers profitieren nicht vom Verkauf ihres Kaffees. Sie sehen ihren Kaffeehandel als reines Hilfsprojekt. „Das was durch den Verkauf erwirtschaftet wird, wird an die Bauern ausbezahlt“, sagt Johannes Rieger. „Wir unterstützen auch viele Witwen, die nur das erwirtschaften, was sie mit ihren zwei Händen ernten können.“ Auch Schulen und Kindergärten in der Bergregion profitieren vom Erlös.

Obwohl die Riegers den Kaffee direkt für die Kleinbauern vertreiben, trägt er kein Fair-Trade-Siegel. Das liege daran, dass das Zertifikat für viele Bauern zu teuer wäre. „An den ganz Kleinen geht das Siegel leider oft vorbei“, sagt Johannes Rieger. Er meint das nicht als Kritik. „Ich finde es gut, dass es das gibt, aber für die Kleinbauern lohnt sich das Zertifikat bei den geringen Mengen, die sie ernten, nicht“, sagt er. Und genau denen wollen sie helfen.

Wie es sich anfühlt, ein Hilfsprojekt erfolgreich ins Leben gerufen zu haben? „Wir wissen, dass unser Geld ankommt und wir etwas damit bewirken. Das gibt einem schon ein gutes Gefühl“, sagt Johannes Rieger.

Eine Menge Handarbeit vor dem Aufbrühen

Bis sie in der Kaffeemaschine landet, durchläuft eine Kaffeebohne eine Reihe von Aufbereitungsprozessen. Zunächst muss das Fruchtfleisch entfernt werden. In Oaxaca hat jedes Dorf dafür eine eigene Mühle. Anschließend werden die Bohnen getrocknet und zur Aufbereitungsanlage gebracht. Dort wird die Schale entfernt, und die schlechten Bohnen werden aussortiert. Erst nach diesem Schritt wird der Rohkaffee vor Ort in den Container geladen.

Geröstet wird der Kaffee in Deutschland.
Zu kaufen gibt es den Riegerschen „Kaffee der Freundschaft“ unter anderem im HT-Shop in der Ludwigstraße in Crailsheim, im Eberl-Markt, im Café Kett und im Regionalmarkt Hohenlohe in Wolpertshausen. ab

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