Landwirtschaft Existenzängste bei Ferkelerzeugern

Wie es mit der Ferkelkastration ab 2019 weitergeht, steht bisher in den Sternen. Die Landwirte haben hier keine Sicherheit. Viele überlegen sich, ob sich Investitionen momentan lohnen.
Wie es mit der Ferkelkastration ab 2019 weitergeht, steht bisher in den Sternen. Die Landwirte haben hier keine Sicherheit. Viele überlegen sich, ob sich Investitionen momentan lohnen. © Foto: dpa
Luca Schmidt 10.01.2018
Andreas Randt schlägt in seinem Vortrag zur Ferkelkastration in Satteldorf Alternativen für kleinere Betriebe ab 2019 vor. Die Landwirte fühlen sich von der Politik im Stich gelassen.

Den Landwirten in der Region, die mit Ferkeln zu tun haben, läuft die Zeit davon: Ab Januar 2019 ist die betäubungslose Kastration verboten. Rentable Alternativen, die durch den Gesetzgeber erlaubt sind, gibt es für kleinere Betriebe keine.

Auf der Mitgliederversammlung der Schweineerzeugervereinigung Kreis Schwäbisch Hall im Golden Nugget in Satteldorf referierte Dr. Andreas Randt, Geschäftsführer und Tierärztlicher Leiter beim Tiergesundheitsdienst Bayern, zum Thema „aktuelle Entwicklungen bei der Ferkelkastration.“ Und hier wird die Zeit wirklich knapp, wie er den rund 100 Besuchern verdeutlichte.

Denn zur betäubungslosen Ferkelkastration gebe es aktuell nur drei Alternativen: Die Jungeber- oder Ebermast, eine vorübergehende Hodenfunktionshemmung oder eine Kastration unter Betäubung (Anästhesie).

Sowohl Jungeber- und Ebermast also auch eine vorübergehende Hodenfunktionshemmung sind mit dem Tierwohl laut Randt kaum vereinbar. Es komme häufig vor, dass die Eber sich gegenseitig in den Genitalbereich beißen und dadurch verletzen.

Eine Betäubung sei bei jungen Ferkeln mit einem hohen Risiko verbunden. Außerdem müsse der Tierarzt von Beginn an dabei sein und warten, bis die Schweine vollständig aus der Narkose erwacht sind. Diese Zeit hätten die Ärzte kaum. Außerdem wären die Kosten sehr hoch.

Diese Ansätze sind daher in kleineren Betrieben nicht praktikabel. Deshalb schlägt Randt eine lokale Betäubung als vierten Weg vor. So gehe der Trend bei Operationen an Kindern in der Humanmedizin auch zunehmend zu lokalen Betäubungen.

Dies habe mehrere Vorteile: So könne man eine „örtliche Schmerz­ausschaltung im Bereich der Nervenbahnen- und -endungen ohne Beeinträchtigung des Bewusstseins“ erreichen. Außerdem „unterdrücken die Medikamente die elektrische Leitfähigkeit der Nerven für Nervenimpulse reversibel“ – es würden also keine Langzeitschäden für die Ferkel entstehen und sie seien relativ schnell wieder fit. Die Kastration selbst erfolgt nach einer lokalen Betäubung mit einer Kastrationszange.

Allerdings ist dieser „vierte Weg“ Randts, bei welchem die Landwirte selbst zur Tat schreiten können, nicht zugelassen. Geplante Forschungsprojekte dazu konnte er nicht starten, weil er keine Fördergelder bekam. Er hatte sich beworben, wurde aber immer wieder vertröstet. Und das, obwohl Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt sich für eine Weiterentwicklung des vierten Weges ausgesprochen hat.

Außerdem ist derzeit in der Nutztiermedizin nur Procain als Betäubungsmittel zugelassen, und das bereits seit 1905. Dieses Mittel bräuchte allerdings eine Indikationserweiterung, das heißt, es müsste ausdrücklich für Ferkel zugelassen werden.

Bisher sind Vorstöße von Randt auch an einer Neuformulierung des Tierschutzgesetzes gescheitert. Dort heißt es, dass der Eingriff nur unter „Schmerzausschaltung“ vorgenommen werden darf, statt wie vorher unter „Schmerzreduzierung.“ Dies könne laut Randt aber niemand über Blutparameter nachweisen, was gefordert wird.

Bei der Bewertung des vierten Weges Randts gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Der Präsident der Bundestierärztekammer, Dr. Uwe Tiedemann, zweifelt die Funktionsweise an. Der Bundesverband der praktizierenden Tierärzte wiederum ist für alle möglichen Verfahren offen. Die Tierärztekammer Nordrhein und Westfalen unterstützt den Weg sogar.

Problematisch sei auch, dass das Verfahren in Dänemark, Schweden und den Niederlanden bereits angewandt wird. Die Befürchtung der Landwirte hierzulande: Wenn ab Januar 2019 keine gesetzliche Klarheit in Deutschland herrscht, müssen Ferkel importiert werden.

Eine Bundesratsinitiative sei momentan auf dem Weg. Entweder soll dadurch die lokale Betäubung verordnet oder eine Übergangsfrist zur weiteren Beforschung ermöglicht werden. Aber: „Die Sauen mit den Ferkeln für Januar 2019 werden im August gedeckt“, weiß Thomas Wieser, Vorsitzender der Schweineerzeugervereinigung.

Afrikanische Schweinepest auf dem Vormarsch

Nicht nur die Ferkelkastration macht den Landwirten im Moment Sorgen: Die afrikanische Schweinepest ist auf dem Vormarsch. Von Osteuropa kam die Schweinepest in den letzten Jahren immer näher, nun gibt es Fälle in Polen und Tschechien.

Die von Viren ausgelöste Krankheit befällt Haus- und Wildschweine, für Menschen und andere Tiere ist sie ungefährlich. Es gibt keine Medikamente oder Impfungen, in 90 Prozent aller Fälle verläuft die Krankheit tödlich.

Nach der Infektion gibt es eine Reihe unterschiedlicher Symptome: Fieber, Schwäche, Fressunlust, Bewegungsstörungen, Atemprobleme sowie Durchfall und Blutungsneigung. Bei einem Befall muss der ganze Bestand gekeult und das Fleisch vernichtet werden.

In Europa erfolgt die Übertragung durch Kontakt mit infizierten Tieren über Blut und Sekrete. In Speiseabfällen und Schweinefleischerzeugnissen kann sich der Virus ebenfalls befinden. Das Loeffler-Institut nennt als Infektionsquellen Transportfahrzeuge oder kontaminierte Kleidung.

Der Bauernverband fordert, Wildschweine intensiver zu bejagen. Wegen der milden Winter gebe es immer mehr. „Das können zwei Würfe im Jahr sein“, erklärt Thomas Wieser, Vorsitzender der Schweineerzeugervereinigung.

Als Jagdscheininhaber weiß Wieser auch, dass die Wildschweinjagd nicht leicht ist. „Bis zu 100 Stunden muss man auf der Pirsch warten, um überhaupt ein Wildschwein zu sehen.“ Dann müsse man erst einmal noch treffen.

Wenn infiziertes Schwarz­­wild in der Nähe oder ein Schwein in einem Betrieb an der Krankheit verendet, sorgt in einem bestimmten Radius das Veterinäramt dafür, dass der Virus sich nicht weiter ausbreiten kann.

Falls ein Fall in Deutschland auftreten sollte, hätte das weitreichende Konsequenzen. „Der Preis für Schweinefleisch aus Deutschland würde in den Keller sinken“, so Wieser. luc