Rot am See / Harald Zigan Die Erinnerung an das Schicksal der Männer von Brettheim ist auch 74 Jahre nach Kriegsende nicht verblasst. Sibylle Thelen würdigt heuer die Opfer.

Einmal im Jahr trägt ganz Brettheim Trauer: An jedem 10. April weht vor dem Rathaus die mit schwarzen Tüchern versehene Flagge der Ortschaft auf Halbmast. Auch nach 74 Jahren ist die Erinnerung an die Hinrichtung von drei Brettheimer Bürgern nicht sang- und klanglos im Nebel der Geschichte verschwunden. Dafür sorgt seit 1980 auch eine Gedenkfeier vor den Linden des Dorffriedhofes, wo die drei Männer auf Geheiß des SS-Generals Max Simon erhängt wurden.

In die Reihe der Redner reihte sich heuer Sibylle Thelen ein. Seit Juli 2011 leitet die Journalistin die Abteilung „Gedenkstättenarbeit“ bei der Landeszentrale für politische Bildung in Stuttgart.

Am heutigen Todestag wird an den Friedhofslinden  der „Männer von Brettheim“ gedacht.

Mörderischer Terror

Brettheim hat dieser Institution viel zu verdanken: Ihr früherer stellvertretender Leiter Heinz Lauber, der seit 1982 vor Ort Seminare für Lehrer zum Schicksal des Dorfes abhielt, setzte sich zusammen mit dem damaligen Ortsvorsteher Fritz Braun vehement für eine Erinnerungsstätte ein, die schließlich im Jahr 1992 eingeweiht wurde und seither die ­Geschehnisse im April 1945 vielfältig dokumentiert.

„In der Geschichte von Brettheim kulminieren die dramatischen Folgen einer Diktatur im Zusammenbruch“, sagte Sibylle Thelen. Der mörderische Terror des NS-Regimes traf im April 1945 den Landwirt Friedrich Hanselmann, der endsieggläubige Hitlerjungen entwaffnet hatte. Der Mut, das Todesurteil gegen ihren Mitbürger nicht zu unterschreiben, kostete letztlich auch Leonhard Gackstatter und Leonhard Wolfmeyer das Leben.

Das Schicksal der Männer von Brettheim zeige, dass es ohne Rechtsstaat „keine Gewissheiten, keine Sicherheit und keinen Raum für Menschlichkeit und Solidarität gibt – und dann haben Willkürherrschaft, Terror und Gewalt freie Bahn.“

Deshalb sei Widerstand in einer etablierten Diktatur „so abgrundtief schwierig“, sagte Sibylle Thelen. Nach den unfassbaren Freisprüchen für den Haupttäter Max Simon in drei Strafprozessen der Nachkriegszeit „mussten die Einwohner von Brettheim selbst einen Weg finden, die eigenen Toten zu rehabilitieren – sie taten dies früh“, sagte Sibylle Thelen: Schon 1964 wurde eine Erinnerungstafel an der Friedhofs­-mauer in Brettheim angebracht. Mitsamt der Erinnerungsstätte wurde so eine demokratisch verankerte Erinnerungskultur geschaffen.

In Rot am See ist der Spielraum für weitere Großprojekte gering.

Das Eintreten für eine zivilisierte Gesellschaft beginne damit, menschenverachtende Begriffe nicht einfach nur hinzunehmen oder gar weiterzuverbreiten, sondern zu entlarven und zu ächten. „Auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges sind Demokratien und ein freiheitliches Europa aufgebaut worden – unsere Aufgabe heute ist es, diese Errungenschaften zu schützen und zu verteidigen“, wie Sibylle Thelen bilanzierte.

Auf die längste Friedensperiode in der jüngeren deutschen Geschichte hatte zuvor schon der Brettheimer Ortsvorsteher Reiner Groß verwiesen: „Diese Errungenschaft, seit 74 Jahren in Frieden leben zu können, müssen wir uns immer wieder bewusst machen und gerade in jenen Zeiten bewahren, in denen nationalistisch-fremdenfeindliche Parolen zunehmend in den öffentlichen Raum vordringen und die Grenzen zwischen besorgten Bürgern und eindeutigen Demokratiefeinden offenbar zunehmend verschwinden.“

Die Kernaufgabe angesichts der Geschehnisse am 10. April 1945 in Brettheim bleibe, sich zu erinnern, zu verstehen und „konsequent dafür einzustehen, dass die nachwachsenden Generationen die dunklen Seiten der Geschichte nicht wiederholen“, sagte Reiner Groß.

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Auch ein US-Soldat steht auf der Liste der Opfer

Eine Woche nach der Hinrichtung der drei Männer in Brettheim am 10. April 1945 folgte die zweite Heimsuchung des Dorfes: Bei den von der SS provozierten Kämpfen mit der US-
Armee starben weitere 17 Menschen aus Brettheim – darunter die ukrainische Zwangsarbeiterin Nadesdha Wasiljew, deren Nachname bis vor zwei Jahren nicht bekannt war, weil sie erst wenige Tage vor ihrem Tod nach Brettheim gekommen war. Alljährlich nennt Ortsvorsteher Reiner Groß die Namen aller Todesopfer  – auf der Liste stand heuer neben einem deutschen Soldaten erstmals der US-Soldat Robert Hay. Ein US-Historiker fand bei Recherchen seinen Namen heraus. haz