Es ist Samstag, der 25. April. Der Flieger von Khimananda Bhandari landet am frühen Morgen sicher in Stuttgart, der 43-Jährige war gerade auf Heimaturlaub in Nepal. Er nimmt sein Handy in die Hand, um seinen Freunden davon via Facebook zu berichten, so wie man es heute macht, wenn man unterwegs ist. "Stuttgart airport . . . germany !", schreibt Bhandari. Es dauert nicht lange, da klicken schon die ersten auf "Gefällt mir". Ein Kommentar lautet: "Schön das du wieder da bist und alles gut ging."

Ungefähr zu der Zeit bebt 6500 Kilometer von Stuttgart entfernt in Nepal die Erde. "Earthquake", schreibt einer unter die Statusmeldung von Bhandari. Erdbeben - das Wort sagt eigentlich schon alles. Das Ausmaß der Zerstörung ist riesig. Die Sorgen von Bhandari sind es auch. Er kann es nicht fassen. Einen Tag zuvor stand er noch auf dem neunstöckigen, 62 Meter hohen Dharahara-Turm in der Innenstadt von Kathmandu - eine der Attraktionen der Hauptstadt. Das Beben machte den Turm dem Erdboden gleich.

Und dann kam das Erdbeben

Im Büro von Bernhard Baumann-Ickes hängen zwei Fotos von dem Turm, eines zeigt ihn vor, das andere nach dem Beben. Baumann-Ickes kümmert sich bei den Sozialtherapeutischen Gemeinschaften Weckelweiler ums Personal. Dort arbeitet übrigens auch Khimananda Bhandari, als Koch. Aber Bhandari kann nicht nur kochen. "Ich bin hier der einzige Nepalese, der einen Führerschein hat", sagt er und lacht. "Ich bringe die überall hin." Neben ihm, muss man wissen, arbeiten nämlich noch sechs weitere Nepalesen bei den Gemeinschaften. Die Mehrzahl derer macht ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ). Gerade neulich hätten sie alle gemeinsam ein nepalesisches Fest gefeiert, sagt Baumann-Ickes. Toll war es. Und dann kam das Erdbeben. Seitdem herrscht ein "Durcheinander im Kopf", so Baumann-Ickes. Er spricht von Todesangst und davon, dass die Nepalesen nicht arbeitsfähig waren, natürlich nicht. Zwei Tage lang wussten schließlich viele nicht, wie es ihrer Familie und ihren Freunden zu Hause geht. Zum Glück ist all den Menschen, die den sieben Nepalesen wichtig sind, nichts passiert. "Gott sei Dank nicht getroffen", so sagt es Khimananda Bhandari. Eigentlich meint er "betroffen", aber das "getroffen" trifft es irgendwie auch.

Die Angst bleibt

Am Glockenturm in Weckelweiler haben sie Gebetsfahnen aufgehängt. Beten half, und es hilft immer noch, denn die Angst ist auch zwei Wochen nach dem Beben keineswegs vorüber. Sie ist geblieben, man kann es sehen - schwarz auf weiß, wenn man so will. In den Hausmitteilungen der Sozialtherapeutischen Gemeinschaften wenden sich die Nepalesen an die Kollegen. "Wir sind alle sehr betroffen, weil zum Teil die Häuser unserer Eltern oder Verwandten zerstört wurden oder im Moment nicht bewohnbar sind", schreiben sie, und weiter: "Es ist eine ständige Angst vorhanden, dass nochmals ein Beben oder weitere Gefahr droht. Keiner kann sich irgendwo sicher fühlen. Nun kommt noch die wachsende Sorge hinzu, dass durch verseuchtes Wasser und fehlende Medikamente Krankheiten ausbrechen. Die Menschen dort sind sehr, sehr hilflos und auf Unterstützung von außen angewiesen."

Die Familie von Yang Sung Sherpa wartete noch in dieser Woche vergeblich auf Hilfe. Sie harrt im Freien in Kathmandu aus - mit einer Gelassenheit, die wohl unvorstellbar wäre, legte man europäische Maßstäbe an. "Hauptsache sie leben noch", betont Yang Sung Sherpa. Der Gedanke an die Familie ist der letzte am Abend und der erste am Morgen, und dazwischen ist nur wenig Schlaf. "Ich bin den ganzen Tag vorm PC", sagt die 23-Jährige. Ob sie darüber nachgedacht habe hinzufahren? "Das bringt ja nichts. Meine Familie ist froh, dass wenigstens ich in Sicherheit bin." Der Familie der FSJlerin Bhawana Gurung wurde bei dem Beben die Lebensgrundlage entrissen. Dabei handelt es sich - man muss sich das mal vorstellen - um eine Kuh.

"Wir vertrauen unseren Politikern nicht"

Einer, der eine Ahnung hat, wie schlimm es in Nepal aussieht, ist Klaus Stolz. Seit 1973 bereist er das Land, mehrmals war der heute 66-Jährige sogar mit dem Auto unten. Von Langenburg aus vermittelt er für die Firma "Royal Mountain Trekking" in Kathmandu Touren und stellt auch selber welche zusammen. Zudem betreibt Stolz in Langenburg einen Himalaya-Shop. 1996 lernte er in Nepal seine Frau Padam Kumari Sherpa, 49, kennen. Seit vielen Jahren sammeln sie Spenden für ein Altersheim in der Stadt Pashupatinath, nach dem Erdbeben haben sie noch eine Spendenaktion initiiert (siehe Info-Kasten). Neben der zerstörten Infrastruktur sei ein großes Problem in Nepal die Korruption, das sagen beide. "Jeder versucht sich die Taschen zu stopfen", so die Befürchtung von Stolz. Er will dafür Sorge tragen, dass ihre Hilfe die Richtigen erreicht. "Wir vertrauen unseren Politikern nicht" ist ein Satz von Yang Sung Sherpa aus Weckelweiler, der einem dabei noch in den Sinn kommt. Traurig zwar, aber leider wahr. Dabei wäre Vertrauen so wichtig für all das, was hoffentlich noch kommt. Damit die Hilfe nicht zur Kunst wird.

Morgens und abends betet Padam Kumari Sherpa für alle Menschen in Nepal. Am Ende eines langen Ganges in ihrem Langenburger Wohnhaus steht ein Altar mit einer Buddha-Statue. Zum Gebet lässt sie Glocken erklingen und zündet Räucherstäbchen an. Ihr Mann spielt Lotto. Leider hat es für Klaus Stolz auch in der vergangenen Woche nicht zum 30-Millionen-Euro-Jackpot gereicht. "Wenn ich den gewonnen hätte, hätte ich zwei, drei Millionen behalten und den Rest nach Nepal gegeben."

Wie Kimberley Alt aus Kirchberg das Erdbeben in Nepal verarbeitet
 

Spendenkonto "Hilfe für Nepal": Es wird Geld für mehr als nur eine Kuh benötigt

Wer Geld für Nepal spenden möchte, der hat derzeit viele Möglichkeiten. In dieser Hinsicht ist die Spendenaktion, die Klaus Stolz aus Langenburg ins Leben gerufen hat, sicherlich nichts Besonderes. Die Idee ist allerdings die, dass die Spenden sich zurückverfolgen lassen. Mit anderen Worten: Wer Geld gibt, soll auch annähernd wissen, wohin es geflossen ist. Dies kann eine Kuh sein wie bei der Familie von Bhawana Gurung (siehe Text), Material für den Hausbau (Ziegel, Dach, Holz) oder einfach nur Betten und Decken. Lebensmittel seien nicht so wichtig, betont Stolz. Wichtig sei es, mit dem Wiederaufbau so schnell wie möglich zu beginnen. Denn im Juni/Juli kommt der Monsun und richtet vielleicht noch größeren Schaden an. Das Geld soll den armen Menschen in den weniger touristischen Gegenden zugutekommen. "Die Bauern sind am ärmsten dran", sagt Stolz. Ein Mann in Nepal, der weiß, wo und welche Hilfe benötigt wird, ist Thakur Khanal (siehe Foto), seit 15 Jahren ein Geschäftspartner von Stolz. Khanal verteilt die Spenden, die auf dem Konto eingehen. Für ihn würde Stolz seine Hand ins Feuer legen. Eine Garantie ist das natürlich alles nicht, aber die gibt es bei anderen Spendenaktionen wahrscheinlich noch weniger.

Das HOHENLOHER TAGBLATT hat sich vorgenommen, genauer hinzugucken, was mit dem Geld passiert und darüber zu berichten, wo und wie es eingesetzt wird - eventuell sogar einmal vor Ort in Nepal.

Treuhandkonto "Hilfe für Nepal", Volksbank Hohenlohe, Empfänger und Kontoinhaber: Klaus Stolz, IBAN: DE70 6209 1800 0328 6030 07

JS