Musical Eine überzeugende Wandlung

Schlussapplaus mit Daniela Kurz (Polly), Markus Hammer, Iris Hammer, Norbert Wieczorek (Sklavenhändler) und Roland Müller (Wilberforce) vorne, dahinter Chor.
Schlussapplaus mit Daniela Kurz (Polly), Markus Hammer, Iris Hammer, Norbert Wieczorek (Sklavenhändler) und Roland Müller (Wilberforce) vorne, dahinter Chor. © Foto: Lothar Schwandt
Wallhausen / Lothar Schwandt 03.11.2016
Das Konzert des Projektchors „Amazing Grace“ im Kulturhaus Wallhausen reißt das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Den guten Ruf der Musik-Familie Hammer bestätigt.

Es spricht für sich, wenn die Konzerte des Projektchors „Amazing Grace“ schon Wochen vorher ausverkauft sind. Der Ruf, den die Familie Hammer sich nun schon über Jahrzehnte in Sachen moderner christlicher Musik erworben hat, ist das eine, die Begeisterungsfähigkeit des Chors das andere. Die Mischung macht’s, und dies drückte das begeisterte Publikum im Kulturhaus Wallhausen auch im Schlussapplaus aus.

Man kann das Libretto des Musicals und damit den Plot der Handlung als etwas konstruiert ansehen, spannend und anrührend ist es allemal. Und überzeugend ohnehin: die Wandlung des hin- und hergeworfenen John Newton vom traumatisierten Kind zum vom Leben enttäuschten Seemann, der dann eine Lebenswende erlebt und dem barmherzigen Gott begegnet, wird sehr einfühlsam dargestellt – allen Widerwärtigkeiten und Schicksalsschlägen zum Trotz.

Und hier liegt die Stärke dieses Musicals: Umrahmt von den Leidensgesängen der Sklaven – den Gospels – wird hier sehr unterhaltsam eine Lebensgeschichte ausgebreitet, die Höhen und Tiefen umfasst und allen Beteiligten alles abverlangt. Kein Wunder, dass die Proben für dieses Musical fast ein Jahr dauerten. Und entsprechend harmonierten Solisten und Chor nicht nur glänzend miteinander, auch die Einspielung der instrumentalen Playbacks gelang mühelos.

Sehr überzeugend war die Rollenbesetzung: Markus Hammer nahm man den erwachsen gewordenen John Newton auf Anhieb ab. Und Daniela Kurz, die langjährige Verlobte und spätere Frau Newtons drückt ihre tiefe Hingabe an Christus in einer warmen und äußerst klangvollen Stimme aus, besonders in den Partien mit Händelscher Barockmusik. Gerade hier ist der poppige Kontrast durch den Chor nicht nur anspruchsvoll, sondern auch ein echter Hörgenuss.

Einen gewollt harten Kontrast bilden die dunklen Mächte, wirkungsvoll in Szene gesetzt durch Karl Schöller, Nina Stumpp und Iris Hammer, die immer wieder Newtons Persönlichkeitsentwicklung infrage stellen. „Mein Name ist Hass“: Dies wurde vom martialischen Aussehen Schöllers ebenso unterstrichen wie die lasziv gespielte Gleichgültigkeit bei Iris Hammer, die eine Lebedame verkörpert. Und auch das „gesunde Volksempfinden“ bekam hier sein Fett weg. Schließlich nimmt man auch Kurt Walter den gerissenen Kapitän Swanwick ab. Dafür, dass auf der Bühne immer ein Hingucker zu sehen war, sorgte das Tanzteam mit Katja Rück, Michelle Werner, Nicole Lohmann und Marina Büller.

Beklemmende Aktualität bekommt das Musical durch die zeitlose Frage nach der Gerechtigkeit für alle Menschen und den Gegenwind bei couragiertem Eintreten für Benachteiligte heute. Hier kommt „Amazing Grace“ ins Spiel, als der inzwischen als Pfarrer einer Dorfkirche tätige Newton dem jungen Politiker Wilberforce Mut macht, sich gegen den früher von ihm selbst praktizierten Sklavenhandel einzutreten. Der Erfolg nach langen, zähen Verhandlungen bei der Abstimmung im britischen Parlament überwältigt zum Schluss beide.

Für das Reformationsjahr ist das Musical quasi ein Lehrstück: Es leistet, was Martin Luther meinte: mit einer eindrucksvollen Inszenierung dem Volk aufs Maul zu schauen und mit eingängigen, vertrauten Gospels das Evangelium unter die Leute zu bringen. Thomas Hammers vereinigte Chöre, dem LSF Gröningen und den Projektchören Brettheim und Hengstfeld, unterstützt durch Regisseurin Elisabeth Hammer und Eva Hammer, haben dies glänzend umgesetzt. Der Erlös fließt einer Aktion von „Brot für die Welt“ zu – dem Haus der Hoffnung in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Hier werden junge Menschen betreut, die selbst in sklavenähnlichen Verhältnissen aufgewachsen sind.

Info Die nächste Aufführung am 5. November in Brettheim ist ausverkauft.

Sklaverei als bewegende Musical-Inszenierung

Das Lied „Amazing Grace“ ist einer der bekanntesten Gospelsongs der Welt. Den Text „Amazing Grace“ schrieb 1773 der britische Sklavenkapitän John Newton. Er erzählt seine Geschichte vom verwahrlosten Heimkind, das gekidnappt wird und von der Marine desertiert, um seine geliebte Polly Maria wiederzusehen. Er entgeht knapp dem Galgen und wird Sklavenspediteur in Westafrika. Warum die vornehme Polly ihn trotzdem heiratete, wie John Newton zum Pfarrer der anglikanischen Kirche wurde, was ihn zum Gegner der Sklaverei machte und wie er ihre Abschaffung mit seinem Freund William Wilberforce 1807 im Londoner Parlament durchsetzte – all das wird in mitreißenden Gospels und Balladen gesungen, getanzt und gespielt.

Das Musical, komponiert von Tore W. Aas, dem Gründer und musikalischen Leiter des „Oslo Gospel Choir“, besteht aus neuen Musical- und Gospelsongs und arrangierten Traditionals. Das Libretto hat der bei Ludwigsburg lebende Journalist und Texter Andreas Malessa geschrieben. pm

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