Frühling lässt sein blaues Band - noch nicht durch die Lüfte flattern. Stattdessen graupelt's aus tiefgrauen Wolken gegen die Gewächshaus-Dächer der Gärtnerei Rüdenauer in Blaufelden. So recht will man dem "Endlich Frühling"-Schild am Hofeingang also nicht trauen - klingt eher nach vager Zukunftsmusik als nach jauchzendem Gegenwartsgesang. Und während man noch so sinniert, sagt Gärtnerei-Chefin Gudrun Weiberle: "Für uns ist der Frühling eigentlich schon rum. Wir sind unserer Zeit immer voraus."

Man weiß, was sie meint, wenn man ein Gewächshaus nach dem anderen durchstreift - und dabei auf allerlei Sommerboten trifft. Da warten noch zurückhaltend sprießende Geranien in Reih und Glied auf ihren hängenden Einsatz auf Balkonien und da stehen kleine Pflänzchen, die später Tomate, Paprika und Gurke für den sommerlichen Vespertisch liefern. Kurzum: Während der Spaten beim Otto-Normal-Gärtner noch in der Scheune oder im Keller lehnt, ist bei Rüdenauers schon Garten-Hochsaison.

Der Graupel ist vergessen, die Toskana ganz nah

In der kalten Jahreszeit sind die Gewächshäuser mit nicht winterfesten Pflanzen belegt, viele Privatleute geben ihre floralen Schmuckstücke dann zur Pflege ab. So kann man auch derzeit noch an Oliven-, Zitronen- und Orangenbäumen vorbeistreifen, an Feigen, Rosen und Kirschlorbeer. "Die Fresien duften herrlich!", sagt Weiberle, während sie durch die warmen Gänge spurtet, und: "Dort blüht schon der Rosmarin!" Der Graupel ist vergessen, die Toskana ganz nah.

Bis Ostern sind Stiefmütterchen, Primeln, Osterglocken und Tulpen der Hit. Die Leute holen sich das Sprießen mit Zweigen und Zwiebeln in die geheizten vier Wände. Derlei Frühlingserwachen gilt es für Weiberle und ihre Mitarbeiter bereits im Februar vorzubereiten. "Es gibt ja kaum noch Gärtnereien, die so produzieren wie wir", sagt sie. Bei den ganz Großen ist alles automatisiert, viele Kleinen kaufen das allermeiste von den Großen zu. Wie lange sie sich in diesem Umfeld noch wie bisher halten können, weiß Weiberle nicht. Der Druck von der Discount-Konkurrenz wird größer. Die 67-Jährige aber ist überzeugt von dem, was sie in Blaufelden tun. Da werden etwa Geranien noch von Hand zurückgeschnitten und nicht mit Wachstumshemmern behandelt. "Deshalb wachsen unsere Pflanzen auf dem Balkon dann schneller", sagt die Gärtnerin.

Weiberle ist eine geborene Rüdenauer. Dass sie beruflich mit Blatt und Blüte befasst sein würde, war also eigentlich immer klar. "Das war halt so, da habe ich gar nicht überlegt", sagt sie. Es ist eine Leidenschaft daraus geworden. Das merkt man, wenn sie von ihrer selbst gemischten Erde spricht und dabei die Finger aneinanderreibt oder wenn sie fasziniert auf die riesige Blüte einer Pfeifenwinde zeigt und davon berichtet, wie diese Insekten an ihren Stempel lockt.

Jede Pflanze habe ihr Geheimnis

Weiberle erschrickt oft, wenn sie erlebt, wie wenig Kinder und auch deren Eltern heute noch über Pflanzen wissen. Sie bittet deshalb regelmäßig Schüler in die Gärtnerei und topft mit ihnen Weihnachtssterne ein. "Wenn Kinder eine Pflanze bekommen, wird in ihnen die Liebe für die Pflege entfacht", sagt sie. Das ist ihr wichtig. Denn Gärtnern, findet sie, schult die Ehrfurcht vor der Natur. Jede Pflanze habe ihr Geheimnis, ihr Eigenleben, eine Fähigkeit zur Kommunikation. "Mit einer Pflanze zu sprechen, ist natürlich an sich Blödsinn, aber es ist halt auch ein Zeichen dafür, dass man sich kümmert" - und Gewachsenes nicht bloß als Ware sieht.

In diesem Sinne heißt's bald: Auf, auf in den Garten! Für Weiberle und ihre Kollegen ist derweil Ende Mai die allergrößte Arbeit vorbei. Im selben Monat übrigens müssen die Weihnachtssterne gepflanzt werden - wie gesagt: der Zeit voraus.

Ein Filmtipp von der Gärtnerin: "Das Leben der Bäume"

Ehrfurcht vor Pflanzen ist Gudrun Weiberle wichtig. Wer wissen will, warum, für den hat die Blaufeldener Gärtnerin einen Filmtipp parat: "Das Geheimnis der Bäume" von Luc Jacquet. In dieser Naturdokumentation zeigt und erläutert der französische Regisseur ("Die Reise der Pinguine") den Lebenskreislauf von Bäumen - anhand von Beobachtungen aus den Regenwäldern von Peru und Gabun.

Die Deutsche Film- und Medienbewertung schrieb: ",Das Geheimnis der Bäume' ist einer der ungewöhnlichsten, spektakulärsten und klügsten Dokumentarfilme, der die gewohnten Pfade des Genres sprengt. Ein Film, den man nicht so schnell vergessen wird. " Und Weiberle sagt: "Ich könnte stundenlang davon erzählen."

SEBU