Sommerserie: Autobahn 6 Ein Rastplatz für die Seele

Wie ein Fels in der Brandung thront die Autobahnkirche Christophorus auf dem Rastplatz.
Wie ein Fels in der Brandung thront die Autobahnkirche Christophorus auf dem Rastplatz. © Foto: Christine Hofmann
Kreis Hall / Christine Hofmann 17.08.2018
Die Autobahnkirche Christophorus lädt Reisende ein, zur Ruhe zu kommen. Menschen aller Konfessionen und aus aller Welt nutzen das Angebot.

Auf der Autofahrt von Stuttgart nach Bayreuth haben Christian Stötzel und sein Sohn Jesiah (8) ein Hörspiel angehört. Die Ritter in der Geschichte haben nach bestandenem Abenteuer eine Kapelle aufgesucht und ein Dankgebet gesprochen. „Just in dem Moment sind wir an dem Hinweisschild mit der Autobahnkirche vorbeigefahren“, erzählt Christian Stötzel. „Da haben wir sofort angehalten und gedacht: Das machen wir jetzt auch. Wir sind dankbar, dass wir schon so viele Fahrten unfallfrei gemeistert haben.“

So wie Vater und Sohn aus Bayreuth, die in der Stille der Kapelle eine Kerze anzünden, bevor sie sich wieder in den Reiseverkehr einfädeln, geht es tagtäglich vielen Reisenden, die auf der A 6 unterwegs sind. Wenn sie am Kochertalparkplatz gleich neben der Brücke vorbeikommen und den Hinweis auf die Autobahnkirche Christophorus sehen, halten sie spontan an. Sie betreten den hellen Kirchenraum, der in der Form eines Fisches gestaltet ist, zünden vielleicht auch eine Kerze an, setzen sich in eine der Kirchenbänke und halten einen Moment inne. Manche beten, manche singen, manche genießen einfach nur die Ruhe in dem schön gestalteten Raum mit dem regenbogenfarbenen Fensterband. Ganz gleich, welcher Religion, alle Menschen sind eingeladen.

Einige, die hier verweilen, schreiben ein paar Worte in das Anliegenbuch, das hier ausliegt – übrigens bereits das siebte. Sechs dicke Bücher sind in den viereinhalb Jahren, in denen es die Kirche jetzt gibt, bereits vollgeschrieben worden. „Es gibt Einträge in sämtlichen Sprachen“, erzählt Schwester Inge von den Christusträger-Schwestern aus Braunsbach-Hergershof, die die Autobahnkirche gebaut haben und seither betreuen. Sie blättert einige Seiten um und liest die Sätze der Reisenden. „Viele Menschen schreiben über ihre persönlichen Nöte – über eine schwere Krankheit etwa oder über den Verlust eines geliebten Menschen. Auch einen Eintrag über einen unerfüllten Kinderwunsch gab es schon – und anderthalb Jahre später eine Notiz derselben Person, die sich für das Geschenk einer wunderschönen Tochter bedankte.“

Lesen Sie hier alle Artikel zu unserer Serie zur Autobahn 6.

Die Anliegen, die Menschen aus aller Welt in das Buch schreiben, werden – soweit es die Sprache erlaubt – von den Schwestern wahr- und ernst genommen. „Wir haben einmal im Monat eine Abendandacht hier in der Autobahnkirche, da nehmen wir die Einträge auf. Wer mag, kann sie durch Gebete unterstützen“, sagt Schwester Inge.

Oft werden die Schwestern auch von den Reisenden angesprochen, wenn sie auf ihren täglichen Kontrollgängen die Kerzen auswechseln, saubermachen oder einfach nach dem Rechten sehen. „Manche Menschen suchen das Gespräch und schütten uns ihr Herz aus. Sie fahren dann erleichtert weiter“, berichtet Schwester Astrid. Die Kirche auf dem Autobahn-Rastplatz bietet dazu einen geeigneten Raum, der einerseits anonym ist und andererseits doch ein Gefühl der Geborgenheit vermittelt.

Die Autobahnkirche wurde im April 2014 eingeweiht, als 41. Autobahnkirche in Deutschland. Mittlerweile gibt es 44. Eine lange Planungsphase und einige Bedenken gingen ihr voraus, ob ein kirchliches Gebäude an diesem stark frequentierten Rastplatz, der immer wieder für negative Schlagzeilen sorgte, eine gute Idee ist. „Wir Schwestern waren von der Idee von Anfang an überzeugt“, berichtet Schwester Astrid. Die sieben Schwestern von Hergershof blieben beharrlich und bauten die Kirche auf eine kleine Anhöhe zwischen Pkw- und Lkw-Stellplätzen.

„Durch die Kirche hat sich auf dem Parkplatz einiges zum Positiven verändert“, sagt Schwester Astrid. Es scheint fast so, als würde der ovale Kirchenbau mit Fischflosse seine beruhigende Wirkung auf die Umgebung ausstrahlen. Und: „Bis heute gab es keinen einzigen Fall von Vandalismus.“

Reisende, sie sich Zeit nehmen, den kleinen Kirchenraum auf sich wirken zu lassen, entdecken ein umfangreiches theologisches Programm. Das Glaubenssymbol des Fisches taucht nicht nur in der Architektur, sondern auch im regenbogenfarbenen Fensterband auf. Je nach Tageszeit spiegeln sich die Farben und Formen auf den Wänden und Kirchenbänken und tauchen die Menschen, die hier innehalten, in ein geradezu magisches Licht. Diese Rast tut der Seele gut.

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