Dieser Artikel ist Teil unserer Serie „Weihnachtslied“

Wenn „Stille Nacht, heilige Nacht“ erklingt, dann ist Weihnachten. Dann singen alle aus voller Kehle, es wird warm ums Herz, Augen werden feucht, das Gute siegt, jedenfalls für den Moment. Da bekommen auch Menschen, die ihren jährlichen Kirchbesuch auf den Heiligen Abend legen, religiöse Gefühle. Und zwar nahezu überall auf der Welt, denn das berühmteste Weihnachtslied wird heute auf fünf Kontinenten gesungen, übersetzt in 350 Sprachen und Dialekte.

Der Siegeszug des Weihnachtslieds begann vor genau 200 Jahren in der Pfarrkirche St. Nikolaus in Oberndorf, 17 Kilometer nördlich von Salzburg. Genau genommen ist er einem Zufall zu verdanken. Denn just am Vormittag des Heiligabends 1818 verweigerte die Orgel der Dorfkirche ihren Dienst. In der Not erinnerte sich Pfarrer Joseph Mohr an die Verse, die er zwei Jahre zuvor unter dem Titel „Stille Nacht, heilige Nacht“ gedichtet hatte.

Mohr bat den Organisten Franz Xaver Gruber, sein Gedicht für zwei Männerstimmen und eine Gitarre zu vertonen, was dieser noch am selben Nachmittag erledigte. In der Christmette sang Gruber den Bass und Mohr den Tenor, begleitet durch das Gitarrenspiel des Pfarrers. Schon damals, so wird überliefert, war die Gemeinde von dem Lied beseelt.

„An ‚Stille Nacht, heilige Nacht“ kommt man einfach nicht vorbei. Das ist ein Klassiker, den man nur einmal im Jahr singt – dann aber voller Inbrunst“, berichtet Tobias Wolber aus Rot am See. Der Kirchenmusiker und Musiklehrer am Crailsheimer Albert-Schweitzer-Gymnasium hat das Lied schon als Kind beim Weihnachtsfest im Haus seiner Großmutter gesungen, stimmt es in der Vorweihnachtszeit gern mit seinen Schülern an und lässt es auch in seinem Chor, dem Liederkranz Michelbach/Lücke-Gailroth und Liederkranz Reubach, singen.

Bildergalerie Neu vertont: „Stille Nacht, heilige Nacht“

Fester Platz im Abendgottesdienst

„An Heiligabend hat das Lied seinen festen Platz in den Abendgottesdiensten. Ich könnte mir nicht vorstellen, es im Vormittagsgottesdienst anzustimmen, weil es nun mal die Nacht besingt“, sagt Wolber. Seine Ehefrau Miriam Wolber, die Dekanatskantorin in Feuchtwangen ist, teilt diese Auffassung: „Es gibt in Kirchenkreisen jedes Jahr Überlegungen, einige neue Lieder ins Repertoire aufzunehmen. Bei ‚Stille Nacht’ gibt es keine Diskussion: das muss als Gemeindelied in der Vesper oder in der Mette gesungen werden.“

Auch habe man wieder davon abgelassen, das berühmteste Weihnachtslied im Gottesdienst von einem Chor vorsingen zu lassen. „Dieses Lied will die Gemeinde voll und ganz für sich haben“, sagt Miriam Wolber. Die meisten Kirchgänger würden das Lied schon aus Kindertagen kennen und zeigten sich textsicher, weiß die Kirchenmusikerin. „Dabei ist es gar nicht so leicht zu singen“, wirft Tobias Wolber ein und stimmt die ersten Takte an.

Die ursprüngliche Version aus der Feder von Joseph Mohr hatte sechs Strophen. Sie erzählen davon, dass Gott in der Geburt Jesu zum Heil der Menschen gewirkt hat. Es ist die Weihnachtsbotschaft in Reimform. Und so kam es zur Drei-Strophen-Variante (gesungen werden heute die ursprünglichen Strophen 1, 6 und 2): Drei Handschuhverkäufer aus dem Zillertal sangen das Lied am Rande der Neujahrsmesse 1831/32 in einem Leipziger Hotelsaal.

Als im Folgejahr wieder ein Konzert von Tiroler Alpenliedern angesetzt wurde, ließ ein Dresdener Musikverleger die Lieder mitschreiben und veröffentlichte sie – und zwar genau so, wie sie vorgetragen worden waren, in verkürzter Form.

Es ist schon erstaunlich, dass dieses Lied, das zur Rettung der Christmette in einer österreichischen Dorfkirche unter großem Zeitdruck entstanden ist, einen solchen Siegeszug durch die Welt antrat – ganz ohne Plattenlabel, Massenmedien und Internet. Auswanderer nahmen es mit nach Amerika. Und im Ersten Weltkrieg wurden während der Feiertage die Waffen niedergelegt, um es zu singen.

Schrozberg

Vertonte Friedensbotschaft

„Stille Nacht“ gilt als vertonte Friedensbotschaft. Wenn das Lied, das in schweren Zeiten entstanden ist, die von Krieg, Naturkatastrophen, Hunger und Armut geprägt waren und das über die Jahrhunderte hinweg Grenzen und Krisen überwunden hat, an Heiligabend überall auf der Welt gesungen wird, verbindet es Menschen unabhängig von Herkunft, Alter oder Konfession. Dann ist es Zeit, innezuhalten, und den Zauber der Heiligen Nacht zu spüren.

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