Die ärztliche Versorgung war gerade erst vor ein paar Tagen wieder Thema, als sich die drei Oberbürgermeister und die elf Bürgermeister der Städte und Gemeinden des sogenannten Magischen Dreiecks in Ellwangen trafen. Dabei wurde deutlich, dass sich die Gemeinde Fichtenau „in einer sehr glücklichen Situation“ befindet, wie deren Bürgermeisterin Anja Wagemann sagt. „Da beneidet uns jede andere Gemeinde drum.“

Denn in Fichtenau gibt es zwei Allgemeinarztpraxen: die von Sanem Litak in Wildenstein und die von Dr. Ulrich Wagner in Unterdeufstetten. Das ist aber noch nicht alles: Letzterer plant mit seinen 59 Jahren nicht für den Ruhestand, wie es Gemeinderat Martin Bleicher formulierte, sondern mit der Gemeinde eine neue Praxis im zweiten Obergeschoss der bisherigen Grundschule: 380 Quadratmeter, ausgelegt für drei Ärzte. Der Umbau soll im Sommer beginnen, wenn die Grundschule in die frühere Hauptschule umzieht. 2020 soll alles fertig sein.

Kreis Göppingen

Mit Dr. Julia Hampel ist die erste Verstärkung schon da, am Montag hatte sie ihren ersten Arbeitstag in Unterdeufstetten. Es kamen rekordverdächtige 236 Patienten. Am Mittwoch sitzt die 35-Jährige neben Dr. Wagner und Bürgermeisterin Wagemann, die sie mit einem Blumenstrauß offiziell willkommen heißt, in einem ­Behandlungszimmer zum Gespräch – damit ist der Raum eigentlich auch schon voll.

Um dem gestiegenen Platzbedarf in der Praxis bis zum Umzug Rechnung zu tragen, nutzen Wagner und Hampel demnächst die Räume der Polizei nebenan, denn die zieht nach Wildenstein ins Bürgerhaus, das steht jetzt fest. Nur wird das wie erhofft zum Ostereiermarkt Mitte April nichts. Fest steht auch, dass demnächst noch jemand kommt. Ob es eine Ärztin wird oder ein Arzt, lässt Wagner sich nicht entlocken.

Familie, Klima, Team

„Ich bin sehr froh, dass ich hier sein darf“, betont Hampel. „Ich wollte schon als Kind Landärztin werden.“ Ihr Vater, das muss man vielleicht dazusagen, ist Dr. Jürgen Langenstraß, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie in Dinkelsbühl. Nach dem Studium in Würzburg arbeitete Hampel am Ostalb-Klinikum in Aalen. Zu Hause ist die Internistin in der Nachbargemeinde Wört, mit dem Auto fährt sie sieben Minuten bis nach Unterdeufstetten.

„Ich versuche einen Weg zu finden, wie ich Familie und Beruf unter einen Hut bekomme“, sagt die Mutter zweier Kinder. Im Klinikalltag mit Diensten und Schichten sei die Vereinbarkeit schwierig. „Ich liebe meinen Beruf“, betont Hampel, „aber ich möchte nicht auf meine Kinder verzichten.“ Derzeit tritt ihr Mann beruflich kürzer, nimmt Elternzeit. Sie hat eine 70-Prozent-Stelle.

Von einem Kollegen sei sie darauf aufmerksam gemacht worden, dass Wagner Verstärkung sucht. Dabei stellte Hampel fest, dass Unterdeufstetten gleich um die Ecke liegt. „Ich habe nichts zu verlieren, ich melde mich mal“, sagte sie sich. Um nichts dem Zufall zu überlassen, arbeitete sie Probe. Dabei wollte sie auch etwas anderes ausloten: „Wir verbringen fast mehr Zeit bei der Arbeit als zu Hause. Da ist es mir wichtig, dass das Klima stimmt, dass es im Team passt.“ Ansonsten würde sie nicht glücklich, „selbst wenn es die Hyperpraxis wäre“.

Wie ein Geschenk

Das Klima stimmt, das Team passt, er tickt ähnlich, sonst wäre sie nicht hier. Und sonst, soweit sich das in der ersten Woche überhaupt sagen lässt? Hampel empfindet das Ganze „wie ein Geschenk“, „von den Arbeitszeiten her toll, planbar“. Die ersten Tage seien sehr positiv gewesen. Im Vergleich zum Krankenhaus habe sie viel mehr Patientenkontakt, und keineswegs drehe sich alles nur um Husten und Schnupfen. „Ich hoffe, dass mich die Bevölkerung annehmen wird“, sagt sie. „Im Moment kommen alle noch wegen ihm.“

Dass „dieses Projekt“ existiert, wie Hampel es nennt, das mit der neuen Praxis in der alten Schule, wusste sie erst gar nicht. Es spielte für ihre Entscheidung keine Rolle, es kommt quasi als Zugabe obendrauf. Wagner findet es super, sich austauschen zu können, sonst hat er lediglich Telefonkontakt mit Kollegen. „Es profitiert jeder“, betont er. „Wir beide, die Patienten.“ „Und die Gemeinde“, fügt Wagemann hinzu.

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