Kirchberg Ein Grabstein als Beginn

Kurt Strümpells Grab auf dem Hornberger Friedhof. Foto: Heinrich Eppe
Kurt Strümpells Grab auf dem Hornberger Friedhof. Foto: Heinrich Eppe
Kirchberg / HEINRICH EPPE 19.09.2013
Ein Oberst a. D. Kurt Strümpell auf dem Friedhof in Hornberg? Friedrich König machte sich Gedanken. Da müsste man doch nachforschen. Das war vor zehn Jahren. Jetzt hat er seine Ergebnisse vorgestellt.

Kurt Strümpell wurde am 16. Juli 1872 in Schöningen im Herzogtum Braunschweig geboren, verließ mit 19 Jahren die preußische Kadettenanstalt und wurde Leutnant in einem Fußartillerie-Regiment. 1900, mit 28 Jahren, meldete er sich als Kolonialoffizier zur Schutztruppe für Kamerun.

Als er an Westafrika, an der Pfeffer-, Elfenbein-, Gold- und Sklavenküste vorbeidampfte, konnte er sich vor Augen führen, welche Interessen er militärisch abzusichern hatte. Die deutschen Firmen waren an der wirtschaftlichen Nutzung der küstennahen Regionen im Süden Kameruns interessiert. Doch die Einheimischen waren oft störrisch. Sie wollten ihr Land nicht hergeben. Für solche Fälle gab es ja die Schutztruppe. Von 1900 bis 1905 war Strümpell an Strafexpeditionen und sogenannten "Friedensschlüssen" mit den Stämmen beteiligt. Als Kolonialoffizier war er nicht der schneidige Schlagetot, sondern galt als ein Mann mit "Umsicht, Energie und Mäßigung". Von 1905 bis 1910 war er Resident von Adamaua in Nordkamerun, ein Gebiet, das wirtschaftlich gesehen weniger interessant war. Es ging eher darum, die politische Vorherrschaft Deutschlands über die Stammesfürsten vorzugsweise mit diplomatischen Mitteln durchzusetzen.

Doch die Aktivitäten Strümpells gingen weit darüber hinaus. Er sammelte Gegenstände des Alltags, Schmuck, Kleidung, Tabakspfeifen, Musikinstrumente. Wenn er Heimaturlaub hatte, nahm er diese Gegenstände der "innerafrikanischen Naturvölker, die dem Untergang entgegeneilen", mit, um sie der Nachwelt zu erhalten. Sie sind heute im Stadtmuseum seiner Heimatstadt Braunschweig und in den Völkermuseen in Berlin, Stuttgart und Köln zu sehen.

Afrikanische Sprachen und die Geschichte Nordkameruns interessierten ihn besonders. Als er 1910 nach Deutschland zurückgekehrt war, veröffentlichte er ein "Vergleichendes Wörterverzeichnis der Heidensprachen Adamauas" und zwei Jahre später die "Geschichte Adamauas nach mündlichen Überlieferungen", die in den 80er-Jahren in Kamerun in französischer Übersetzung noch einmal gedruckt wurde.

Er arbeitete in der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes in Berlin und leitete dort von 1917 bis 1919 das Oberkommando der Kaiserlichen Schutztruppen. Von 1920 bis zur Pensionierung arbeitete er im Reichswehrministerium, zuletzt im Archiv. 1939 wurde er nochmal für den Kriegsdienst reaktiviert, schied aber 1940 aus Altersgründen aus.

Wie kommt Kurt Strümpell ausgerechnet nach Hornberg? Dort wohnte seit 1933 Baron Kurt von Crailsheim. Auch er war Kolonialoffizier. Mit 24 Jahren war er beim Ablösungskommando nach dem Boxerausstand in China dabei (1904/05), danach im Krieg gegen die Namas (Hottentotten) in Deutsch-Südwestafrika. 1912 kam er nach Kamerun und erhielt 1914 die Position als Resident von Adamaua, die Strümpell vier Jahre zuvor verlassen hatte. 1915 nahmen ihn englische Truppen gefangen. 1920 schied er als Major aus der Reichswehr aus. Eine Reihe von Gegenständen, die er aus den Kolonien mitgebracht hat, sind im Sandelschen Museum zu sehen.

Wann sich Strümpell und von Crailsheim erstmals getroffen haben, weiß man nicht. Aus ihren Begegnungen muss eine freundschaftliche Beziehung geworden sein. Denn als in Berlin Anfang Februar 1945 bei einem Bombenangriff 25 000 Menschen ihr Leben verloren, forderte Baron Kurt, wie er in Hornberg genannt wurde, Kurt Strümpell und seine Familie eindringlich auf, schnell nach Hornberg zu kommen und im Schloss zu wohnen. Am 12. Februar trafen sie in Hornberg ein. Vom 6. Februar 1945 bis 7. Mai 1947 schrieb Kurt Strümpell Tagebuch über das Kriegsende in Hornberg und die Nachkriegsjahre. Diese historische Quelle ist nicht ausgeschöpft.

Er starb, 75-jährig, am 28. Oktober 1947. Seine Frau Elvira wohnte weiter im Schloss und starb 30 Jahre später. Sie wurde ebenfalls auf dem Hornberger Friedhof bestattet. Wäre das Grab vor zehn Jahren abgeräumt worden, hätte diese Geschichte wohl niemand erfahren. Bei Wikipedia steht als Todesdatum für Kurt Strümpell "nach 1923". Das ist zumindest nicht falsch.

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