Brettheim Ein Ausgestoßener erzählt

Brettheim / ERWIN ZOLL 10.05.2012
Unter der Überschrift "Auf einmal ein Verräterkind" hat Berthold Schenk Graf von Stauffenberg beim Festabend in Brettheim über seine Erlebnisse nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 berichtet.

Berthold von Stauffenberg ist der Sohn Claus von Stauffenbergs, des führenden Kopfes der Widerstandsbewegung vom 20. Juli. In Brettheim hat der 77-jährige Generalmajor a. D. jedoch keinen Vortrag über den 20. Juli gehalten. Er und seine Brüder hätten sich vorgenommen, nicht öffentlich über den Widerstand als solchen zu reden. "Wir waren damals Kinder, wir wussten nichts von den Aktivitäten meines Vaters, und was wir heute wissen, ist jedem zugänglich", sagte Stauffenberg.

Nicht nur über die Widerstandsgruppe vom 20. Juli, auch über seinen Vater sagt Stauffenberg in diesem Vortrag sehr wenig. Unumwunden räumt er ein, dass er seinen Vater, bei dessen Tod er gerade zehn Jahre alt war, genau genommen kaum gekannt habe. Stauffenberg berichtet nicht, wann und unter welchen Umständen er erfahren hat, dass sein Vater erschossen wurde, und er spricht auch nicht darüber, was es für ihn bedeutet hat, ohne diesen Vater aufzuwachsen.

Umso mehr erfährt der Zuhörer über das Innenleben eines kleinen Jungen, dessen Vater in den Augen seiner Mitmenschen zum Verräter geworden war. "Für mich brach eine Welt zusammen", sagt Stauffenberg, der als Kind - obwohl seine Mutter seinen Eintritt in das Jungvolk verhindert hatte - der Nazi-Propaganda erlegen war. Nach dem Anschlag in der Wolfsschanze wurde die Mutter ebenso verhaftet wie ein Onkel und die Großmutter väterlicherseits. Mit einer Kinderschwester, einer Haushälterin und zwei Gestapo-Beamten hielten sich die Stauffenberg-Kinder am Stammsitz der Familie in Lautlingen auf der Schwäbischen Alb auf. Sie hätten sich als Ausgestoßene gefühlt, meint Stauffenberg, "und dieses Gefühl werde ich nie vergessen".

Mit seinen beiden Brüdern, seiner Schwester, einem Vetter und einer Cousine wurde Stauffenberg in Bad Salza im Südharz in ein Kinderheim gebracht, in dem auch die Kinder anderer Widerstandskämpfer untergebracht wurden. Es sollte noch bis zum Juni 1945 dauern, bis Stauffenberg wieder nach Lautlingen zurückkehren konnte.

Im Kinderheim war das Leben offensichtlich erträglich. Jedenfalls berichtet Stauffenberg, er habe an diese Zeit, abgesehen von der Ungewissheit über das Schicksal der Familienangehörigen und über die eigene Zukunft, keine schlechten Erinnerungen. "Niemals wurde uns das Gefühl gegeben, zu einer ausgestoßenen Gruppe zu gehören", sagte Stauffenberg einmal, und später meint er: "Wir wurden gut, ja liebevoll behandelt, wir waren sozusagen unter uns, und das Leben war zwar einfach, aber bei aller materieller Knappheit nicht schlechter als das der Masse der deutschen Bevölkerung." Allerdings habe es keine Kontakte zur Außenwelt gegeben, kein Radio und keine Zeitung, weder Schule noch Kirche. Die Isolation habe aber auch den Vorteil gehabt, "dass wir nicht ständig mit unserem Ausgestoßensein konfrontiert waren".

Nach einer Weile erhielten die Kinder neue Namen. Die Stauffenberg-Kinder hießen von da an "Meister". Berthold von Stauffenberg vermutet, dass die Namen die von SS-Familien waren, zu denen die Kinder später kommen sollten. Er selbst habe nie Gelegenheit gehabt, diesen neuen Namen zu gebrauchen, sagt Stauffenberg.

Gegen Ende des Vortrags, als Stauffenberg von seiner Entscheidung erzählt, Soldat zu werden, spielen der Vater und der Widerstand dann doch noch eine gewisse Rolle. Er sei nicht wegen, sondern eher trotz seines Vaters Soldat geworden. "Ich wusste natürlich, dass mich sein Schatten meine ganze Dienstzeit begleiten würde", sagt Stauffenberg. Besonders am Anfang seiner Offizierslaufbahn habe er gespürt, dass er an seinem Vater gemessen worden sei, berichtet er. Der 20. Juli sei anfangs im Gegensatz zur offiziellen Linie keineswegs unumstritten gewesen. "Mir selbst gegenüber ist Kritik nie geäußert worden, aber von entsprechenden Kasinodiskussionen habe ich natürlich trotzdem gehört."

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel