In beiden Fällen geht es letztlich um die Einschränkung demokratischer Mitspracherechte, den Verlust von Vertrauen in gewachsene Strukturen und um "die Angst vor dem großen Geld". Der "große Milchbauernabend" des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM) im Vorfeld der Muswiese brachte am Freitag die Positionen in Einklang.

Als Daniel Kießecker als verantwortlicher BDM-Aktivist die Referenten des Abends ankündigte, hatten die längst festgestellt, wie gut und wie lange sie sich schon kennen: Die Europa-Abgeordnete der Grünen aus Leutkirch, Maria Heubuch, und BDM-Funktionär Hans Foldenauer aus Irsee bei Kaufbeuren. Rund 70 Kilometer trennen die beiden im Allgäu rein räumlich. Für gemeinsame Interessen - in der Regel gegen die des Bauernverbands und der Ministerien - setzen sie sich gemeinsam seit vielen Jahren im BDM zur Wehr.

So wurde es ein zwar äußerlich unspektakulärer Abend in der Hofburg, doch die Themen waren allemal hochbrisant. Was die EU-Parlamentarierin Heubuch zu "Freihandel und Liberalisierung" zu sagen hatte, war genauso aufsehenerregend wie Foldenauers Bericht über das Milchmarkt-Krisenmanagement. In beiden Fällen warfen die Redner den politisch verantwortlich Handelnden eklatantes Versagen und den Ausverkauf nicht nur bäuerlicher, sondern auch von Verbraucherinteressen vor.

Das bereits ausverhandelte CETA-Freihandelsabkommen dient derzeit als Blaupause für die noch - geheim - laufenden TTIP-Gespräche. Am Tisch sitzen laut Heubuch EU-Kommission und Vertreter der USA. Der Vorwurf der Gegner lautet, dass hier weder gleich starke Partner am Tisch sitzen, noch die jeweiligen Regierungen eingebunden sind. Das öffne nicht nur Lobbyisten des Großkapitals Tür und Tor, das sorge auch für deutlich sinkende Standards in der EU. Qualität und Umsetzung nahezu sämtlicher öffentlicher Dienstleistungen etwa stünden zur Disposition - und wären auf niedrigerem Niveau sogar einklagbar.

Als "perfide" brandmarkte Maria Heubuch die künftige Arbeit der Schiedsgerichte - vorbei an der nationalen Justiz und umgesetzt von Wirtschaftsanwälten privater Kanzleien, die sich im Sinne der Investoren nebenbei eine "goldene Nase" verdienten. "Drei Leute karteln aus, wie Industrieinteressen umgesetzt werden können", verdeutlichte sie. "Der Staat ist außen vor." Heubuch warnte vor extremem Demokratieabbau. Weil US-amerikanische Standards in vielen Fällen bei Weitem nicht die europäische Qualität besitzen, aber trotzdem künftig gelten sollen, liefen bei Angleichung auf US-Level in Europa kritisch bewertete Themen wie Gentechnik, Lebensmittelzusätze oder Arbeitsrecht Gefahr, ausgehebelt zu werden. "Unterstützen Sie die Bürgerinitiative gegen TTIP", forderte Heubuch ihre Zuhörer auf, "unterzeichnen Sie die Listen!"

Hans Foldenauers Zeitreise zurück zur Einführung der Milchquote gedieh indes zu einer "Tour der Leiden" für die kleinen Milchbauern. Auch hier habe der Staat versagt, meinte der BDM-Mann. "Molkereien und Bauernverband waren in ihrer Großmannssucht letztlich nicht willens oder nicht in der Lage, versprochene Zusagen einzuhalten."

Mit dem Ende der Quote im März 2015, so Foldenauer, seien massive Preis- und Einkommensverluste für die Bauern zu befürchten, sagte er. Der weltweite Milchhandel ohne Sicherheitsnetz sorge bereits jetzt für dunkle Wolken am Milchhimmel.