Interview Dietrich Krauß: Was Satire muss und Medien sollten

Crailsheim / SEBASTIAN UNBEHAUEN 31.03.2015
Ausgezeichneter Satiriker: Der in Crailsheim aufgewachsene Dietrich Krauß ist einer der Köpfe hinter der Kabarettsendung „Die Anstalt“ im ZDF. Für seine Arbeit gab es jetzt den Grimme-Preis.

Am Tag des großen HT-Interviews mit Dietrich Krauß verdunkelt der Mond die Sonne. Die taz titelt: "Es ist so weit: Die Islamisierung des Abendlandes". Deutschland diskutiert derweil, ob der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis nun den Stinkefinger gezeigt hat oder nicht. Ein guter Tag, um über Satire und Medien zu sprechen.

HOHENLOHER TAGBLATT: Herr Krauß, herzlichen Glückwunsch zum Grimme-Preis! Eine verdiente Auszeichnung?

DIETRICH KRAUSS: Wir fühlen uns sehr geehrt, dass uns der Preis schon in unserem ersten Jahr umgehängt wurde. Ohne falsche Bescheidenheit: Man schielt da nicht drauf. Man macht seine Arbeit. Wenn sie wahrgenommen wird, ist es gut. Sie wurde wahrgenommen. Großartig!

Jetzt kann's eigentlich nicht mehr lange dauern, bis Sie bei Wikipedia als großer Sohn der Stadt Crailsheim geführt werden. Würde Sie das freuen oder ist Ihnen das egal?

KRAUSS: Ich würde das nicht aktiv betreiben, aber mich natürlich freuen. Wobei: großer Sohn, das klingt so nach kurz vor Ableben.

Den Grimme-Preis gab's für die November-Sendung der "Anstalt", als Sie die Abschottung Europas zum Thema gemacht haben. Am Ende der Show ließen Sie einen Flüchtlingschor auftreten und produzierten damit laut Jury einen "großen Moment für das deutsche Fernsehen".

KRAUSS: Ja. An bestimmten Punkten läuft sich Satire eben tot. Da führt ironische Distanz nicht weiter, da braucht man einen Moment von Authentizität. Wir kamen einfach an den Punkt, dass wir sagten: Das ist alles so unerträglich, irgendetwas müssen wir machen. Erst wenn man Betroffene vor sich hat, macht man sich den Zynismus unserer Flüchtlings-Diskussion bewusst.

Das Kabarett galt vor nicht allzu langer Zeit als quasi tot, jetzt ist es wieder preiswürdig. Wie kommt's?

KRAUSS: Wir versuchen, die Inhalte des klassischen Kabaretts mit einer Art Monty-Python-Stil, also mit absurden Szenen, zu verbinden. Man muss eben immer wieder für bestimmte Fragen die richtige Form finden, damit die Leute überhaupt zuhören. Wir stellen fest, dass wir plötzlich eine Menge junger Leute im Publikum haben.

Obwohl Sie in erster Linie einfach die Welt aus Ihrer Sicht erklären.

KRAUSS: Ja, und man muss absurderweise sagen, dass die Leute bei uns gerade auf diese Erklär-Nummern, ganz klassisch mit Stift und Tafel, stehen. So etwas war eine Zeit lang quasi tabuisiert. Das Unterhaltungsdogma lautete: Erklären ist altbacken, da schalten alle ab. Das kippt jetzt wieder. Weil die Leute komprimierte Erklärungen suchen.

Seit dem Anschlag in Paris wird viel über die Rolle von Satirikern gesprochen. Hat es Sie überrascht, wer plötzlich alles Charlie war?

KRAUSS: Charlie zu sein ist ja zunächst einmal eine ganz sympathische Reaktion. Und in Frankreich waren die getöteten Zeichner so bekannt wie Loriot bei uns. Deswegen war es sicher nachvollziehbar, dass alle möglichen, die sich sonst über Satire aufregen, auf den Zug aufgesprungen sind.

Und in Deutschland?

KRAUSS:
Da sollte man sich daran erinnern, dass nicht nur der Islam Satire aushalten muss, die böse und gemein ist. Das war ganz schnell wieder vergessen. Wenn in Griechenland böse Schäuble-Karikaturen herumgereicht werden, ist man genauso empört wie früher. Hieß es nicht noch vor zwei Monaten: Satire ist das Elixier der Demokratie und man muss alles aushalten?

Muss man's aushalten?

KRAUSS:
Ja, wobei wir immer sagen: Es ist kein Selbstzweck. Ich finde nicht, dass man die Spielräume der Satire möglichst weit Richtung Geschmacklosigkeit verschieben muss. Das ist jedenfalls nicht unser Anliegen. Die Frage ist doch: Wen wollen wir treffen? Ein Angriff gegen islamistischen Fundamentalismus ist selbstverständlich nötig und gerechtfertigt, aber man sollte doch immer auch den gesellschaftlichen Kontext betrachten, in dem ein solcher Angriff stattfindet. Bei uns trifft man damit vor allem den Glauben von ganz normalen Muslimen. Nicht die Mächtigen, die Satire eigentlich ins Visier nehmen sollte, sondern eine Minderheit. Da kann die Islamkritik schnell einen schalen fremdenfeindlichen Beigeschmack bekommen.

Man hat erschöpfend diskutiert, was Satire darf. Was aber muss Satire?

KRAUSS:
Ich kann da nur von uns ausgehen. Ganz banal: Wir empfinden bestimmte Dinge als kritikwürdig. Also kritisieren wir sie. Sei es die sogenannte Griechenland-Rettung, sei es die Abschottung vor Flüchtlingen, sei es die Sozialpolitik. Dabei stellen wir leider immer wieder fest, dass die Darstellung von Problemen in den Medien den politischen Spielraum total einengt.

Inwiefern?

KRAUSS:
Es wird oft immer nur in eine Richtung argumentiert, und die Fakten werden entsprechend gewichtet. Zwar werden auch in den wichtigen Zeitungen immer wieder abweichende Positionen formuliert, aber sie bleiben meist ohne Wirkung auf den sehr einstimmigen Chor der Leitartikler, die die Meinung prägen. Das führt so weit, dass jemand, der eine grundsätzlich andere politische Position vertritt, so wie jetzt die griechische Regierung, als mehr oder weniger dreist und verrückt dargestellt wird. Ich glaube, das ist für viele eine Motivation, "Die Anstalt" zu gucken: einen anderen Blickwinkel einmal so pointiert ausgesprochen zu bekommen.

Sie haben vor allem die Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt kritisiert.

KRAUSS:
Ja, weil ich sie als zu einförmig empfand. Wer etwas dagegen gesagt hat, wurde als Moskau-Troll hingestellt. Die Journalisten gehen nicht sehr souverän mit Medienkritik um, und das ist schon merkwürdig bei einem Beruf, der mit nichts anderem beschäftigt ist als den ganzen Tag die Welt zu erklären und Politiker zu kritisieren.

Der Satiriker kann es sich leichter machen als der seriöse Journalist.

KRAUSS: Klar. Und Satire kann den Journalismus nicht ersetzen. Ich will die Medien auch gar nicht in Bausch und Bogen verdammen. Ich habe ja selbst 20 Jahre als Journalist gearbeitet. Aber wir können in der "Anstalt" sagen: Hey Leute, es gibt auch andere Positionen. Ich will das gar nicht überhöhen. Das ist einfach unsere zugespitzte Sicht der Dinge. Wenn die anderen Medien so einseitig weitermachen, ist das gut für uns. Umso interessanter werden wir. Wir sind Krisengewinnler.

Dabei besteht immer die Gefahr, dass der Kabarettist dem Mächtigen als Hofnarr dient. Er darf aus Gründen der gesellschaftlichen Hygiene frotzeln, aber er ändert nichts.

KRAUSS: Das ist schon so. Und doch ist der Zeit-Journalist Josef Joffe vor Gericht gezogen, als wir seine transatlantischen Kontakte thematisiert hatten. Da waren wir selbst überrascht. Eigentlich hat man sich ja schon völlig damit abgefunden, dass keiner ernst nimmt, was man macht.

Woher kommt eigentlich Ihr unbedingter Wille zum Hinterfragen?

KRAUSS: Ich nehme das nicht als etwas Ungewöhnliches wahr. Ich mache das halt. Mich nervt es einfach, dass bestimmte Fragen nicht gestellt werden. Dass es 1000 Talkshows ohne jeglichen Erkenntnisfortschritt gibt.

Nun gilt das ZDF ja auch nicht gerade als Brutstätte der Avantgarde. Gab's da mal Probleme in Ihrem ersten Jahr in der "Anstalt"?

KRAUSS: Nein. Die lassen uns wirklich total in Ruhe beziehungsweise tun alles, damit wir unsere Ideen umsetzen können. Ich muss schon sagen: Hut ab, dass man sich eine solche Plattform gönnt.

Nach Ihrem ersten Auftritt mit den "Märchenprinzen" 1986 in Crailsheim gab es größere Irritationen. Der damalige Oberbürgermeister Karl Reu forderte Sie per Brief zu "sachlicher Satire" auf. Inwieweit hat Sie dieser Start in der Provinz geprägt?

KRAUSS:
Provinz hat immer den Vorteil, dass man sich nicht auf irgendwas ausruhen kann. Man kommt vom Land und muss sich alles erarbeiten. Das setzt Energien frei. Noch ein Vorteil: In der Kleinstadt hatten wir von Beginn an ein Publikum und eben sogar auch Reaktionen wie vom OB persönlich. In einer Großstadt verpufft viel mehr.

Vielleicht gibt es ja irgendwann einmal einen Preis fürs Lebenswerk. Glauben Sie daran, dass dann manche der Missstände, die Sie heute beklagen, behoben sind?
KRAUSS:
Man muss sich bewusst sein, dass es da um langfristige Prozesse geht. Wir sind einfach nur drei Hansel, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten versuchen, etwas anzustoßen. Und manchmal haben wir das Glück, Themen, die viele fleißige Leute vorbearbeitet haben, eine Wucht zu geben.

Das Interview führte HT-Redakteur Sebastian Unbehauen.


Crailsheimer mit Grimme-Preis ausgezeichnet

Der Gesprächspartner

Dr. Dietrich Krauß wurde 1965 in Gerabronn geboren und wuchs in Crailsheim auf. Er studierte Politik und Journalistik in München, Frankfurt und Kiel. 2001 promovierte er in Politischer Philosophie. Gemeinsam mit Wolfgang Kröper bildete er das Kabarett-Duo "Die Märchenprinzen". Von 1994 an arbeitete er beim SDR und später beim SWR etwa für verschiedene Politmagazine. Heute gehört Krauß mit Claus von Wagner und Max Uthoff zum Kernteam der Sendung "Die Anstalt" im ZDF. Er schreibt auch für die "Heute Show".

SEBU

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