Die Verheißung: Ein grauer Stein!

Unsichtbar zu sein wie grauer Stein, empfindet Wislawa Symborska als nützlich. Archivfoto: Fynn Rieder
Unsichtbar zu sein wie grauer Stein, empfindet Wislawa Symborska als nützlich. Archivfoto: Fynn Rieder © Foto:  
SWP 25.07.2015
Gedanken zum Sonntag von Matthias Brix, Pfarrer und Klinikseelsorger in Crailsheim.

Johannes der Täufer sagt: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken! (Lukas 3, 8)

"Christus rettet nicht jene, die da sagen ,Herr, Herr!' (Matthäus 7, 21). Aber er rettet all jene, die mit reinem Herzen einem Hungrigen ein Stück Brot geben, ohne im Geringsten an ihn zu denken. Wenn er ihnen dankt, antworten diese: ,Wann denn haben wir dich genährt?' (Matthäus 27, 37)", schreibt Simone Weil an einen Ordensmann.

Die französische Philosophin Simone Weil (1909 bis 1943) lässt sich niemals taufen. Sie hat einen merkwürdigen Grund: Solange meine Freunde nicht getauft sind, will ich diese Bevorzugung nicht, ich will darin nicht von ihnen getrennt sein. Ihre Freunde sind einfache Arbeiter in einer Automobilfabrik. Sie steht mit ihnen am Fließband. Der Nähe zu den Ungesehenen gibt sie den Vorzug, nicht sich und ihrer angesehenen Herkunft und Arbeit als Lehrerin für Philosophie.

"Nützlich wäre, irgendwie unsichtbar zu sein, grau wie ein Stein und noch besser, nicht zu sein, für kurze oder auch lange Zeit", dichtet Wislawa Symborska. Sie empfindet in diesen Worten das Leid der Flüchtlinge. Ich denke an uns und die prophetische Verheißung über die Steine von Johannes: Still das Gerechte tun, wird mehr sein, als Herr, Herr' zu rufen oder Wir, wir!', wie jene, die nur Thesen, große Behauptungen, über sich selbst finden.

Leidet die Kirche, wie ein Patient in meiner Klinik, an narzisstischer Persönlichkeitsstörung, Größengefühl über die eigene Bedeutung, unbegründete Erwartungen besonders günstiger Behandlung und Mangel, die Bedürfnisse anderer anzuerkennen?

Die eigene Bedeutung verleiht Gott, der sich seine Kinder aus Steinen wecken kann. Dieses Wort ist keine These, sie ist die Verheißung. Trauen wir ihr!

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