Abschied Die Störche haben Untermünkheim verlassen

Das Foto zeigt die Untermünkheimer Störche Ende Juli.
Das Foto zeigt die Untermünkheimer Störche Ende Juli. © Foto: Archiv/Peter Schilling
Untermünkheim / Beatrice Schnelle 08.09.2018
Das Nest auf dem Rathaus ist wieder leer. Die Eltern werden vermutlich im Frühjahr zurückkehren. Ihr Nachwuchs wohl nie.

Sie sind weg. Die Storchenfamilie, die seit März auf dem Untermünkheimer Rathaus nistete, hat die Reise in wärmere Gefilde angetreten. Ute Reinhard, Storchenbeauftragte des Regierungspräsidiums Tübingen und Koordinatorin des Weißstorchschutzes in Baden-Württemberg, hat die exotischen Gäste über die Monate hinweg beobachtet und weiß natürlich, wohin sie nun verschwunden sind: Als „Westzieher“ haben sie vermutlich zunächst einmal einen kurzen Spanienurlaub geplant, danach geht es weiter nach Westafrika. Es komme aber vor, dass sich einzelne Vögel über die Zugscheide hinweg nach Bayern verirren und sich dort einer Gruppe von „Ostziehern“ anschließen, die den Weg über die Türkei nach Ostafrika nehmen.

Eltern bleiben länger

Ein Familienausflug wird es nicht: Die Jungstörche sind schon Mitte August, etwa zwei Wochen vor ihren Eltern, losgeflogen. Bevor sie den rund 6000 Kilometer langen Weg unter die Flügel nahmen, haben sie sich noch mal ordentlich die Bäuche vollgeschlagen, um Kraft für die acht bis zehn Flugstunden zu sammeln, die sie während der nächsten drei Wochen täglich bewältigen müssen. Vielleicht bleiben sie aber auch in Spanien und ernähren sich dort über den Winter von den Speiseresten, die sie auf Müllkippen finden.

Ein gefährliches Unterfangen, denn dort lauern giftige Substanzen. „Bei ihrem ersten Zug sind die Überlebenschancen für die Jungvögel nicht sehr hoch, da sie noch keine Erfahrung haben“, bedauert Ute Reinhard. Nur rund 30 Prozent kämen wieder nach Deutschland zurück. Andere Todesursachen seien Stromleitungen, Angriffe von Raubvögeln und immer häufiger: Autounfälle. Vor allem mit hohen Lastwagen würden die Störche kollidieren. Das vermutet die Biologin deshalb, weil solche Fälle immer seltener gemeldet würden. Autofahrer zeigten eher die Bereitschaft, bei Zusammenstößen mit den großen Schreitvögeln die Polizei zu verständigen. Die Brummipiloten ließen ihre Opfer dagegen einfach liegen.

Selbst wenn sie ihre Reise gesund überstehen, werden die beiden Storchenkinder wohl nie wieder an ihren Geburtsort nach Untermünkheim zurückkehren: „Das wäre eine echte Seltenheit.“ Die Trennung von Vater und Mutter sei bei dieser Gattung endgültig. Auch in Afrika wird sich die Familie nicht treffen. In zwei oder drei Jahren ist der Nachwuchs dann bereit, andernorts für die Arterhaltung zu sorgen. Ob es sich bei den kleinen Störchen auf dem Rathausdach um Mädels oder Jungs handelte, konnte übrigens sogar die erfahrene Fachfrau nicht herausfinden: „Das erkennt man erst, wenn sie sich paaren.“ Zu tief seien die Geschlechtsteile im Federkleid versteckt.

Ein Trostpflaster für die Untermünkheimer gibt es: Die „Alten“ werden mit hoher Wahrscheinlichkeit im nächsten Frühjahr wieder in ihr erprobtes Eigenheim hoch über der Ortsmitte einziehen, verspricht Reinhard. Die imposanten Neubürger blieben nur dann weg, wenn ihnen auf ihrer Winterreise ein Unglück zustoße oder wenn ihnen ein Brutplatz nicht gefallen habe. Da sie aber zwei kräftige Kinder hatten, Stars in der Lokalberichterstattung waren und mit einem großen Storchenfest gefeiert wurden, dürfte ihnen die Gemeinde in bester Erinnerung sein.

Einige Störche haben es sich angewöhnt, den Winter in Deutschland zu verbringen. „Nicht gut“, befindet die Storchenexpertin. Darum sollten die Adebar-Fans sie nicht füttern und damit zum Bleiben animieren. „Der Zug nach Afrika ist eine starke, logistische Leistung und wenn die Vögel ihren Kopf nicht mehr benutzen, bauen sie mental ab und haben schlechtere Bruterfolge.“

Drohnen bringen Brut in Gefahr

Für die nächste Storchensaison hat Ute Reinhard noch eine weitere Bitte an die Untermünkheimer und alle Storchentouristen: „Steuern Sie das Nest niemals mit Drohnenkameras an!“ Zahlreiche dieser Flugobjekte seien in den letzten Monaten beim Rathaus gesichtet worden und sie hätten tödlich sein können: „Wenn sich etwas nahe über ihrem Nest bewegt, verlassen es die Eltern und lassen die Brut verhungern.“

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