Rot am See / Birgit Trinkle Am heutigen Todestag wird an den Friedhofslinden  der „Männer von Brettheim“ gedacht. Die jüngste Hanselmann-Tochter würdigt diese Initiative.

Was macht ein Kind, wenn es im Nachthemd oben an der Treppe steht, weinend, und mit ansehen muss, wie der Vater von bewaffneten SS-Männern in hohen, schwarzen Stiefeln aus der Stube geholt und an ihm vorbeigeführt wird? Wenn es nichts weiß, nichts versteht, beim Blick in die Gesichter der Eltern aber ahnt, dass da gerade etwas ganz Furchtbares geschieht? Was macht es, wenn Nachbarn erzählen, dass der Papa tot ist, dass er am Friedhof an einer Linde hängt und sein Leichnam nicht abgenommen werden darf? Wenn wenige Tage später das Daheim zerbombt wird und neben diesem Kind in einem Graben bei der Brettach eine Granate in unmittelbarer Nähe Menschen zerfetzt, dass es Blut und die grausigen Fetzen in alle Richtungen schleudert? Es reagiert wie so viele Kriegskinder und schließt das Entsetzen in sich ein.

Elise Krauß, geborene Hanselmann, ist das jüngste Kind des Bauern Friedrich Hanselmann, der seinen Mut und seine Anständigkeit in den letzten Kriegstagen mit dem Leben bezahlt hat und an den heute Abend, in seiner Todesstunde, bei der Gedenkfeier für die „Männer von Brettheim“ erinnert wird.

Zeitlebens hat Elise Krauß, mittlerweile 84 Jahre alt, nicht oder nur wenig über diese Tage im April 1945 gesprochen. Das Leben, das sie geführt hat und noch immer führt, beschreibt sie als gutes. Als eines, in dem es viel Freude gab, viel Segen. Gemeinsam mit ihrem verstorbenen Mann hat sie ein Unternehmen aufgebaut und drei Töchter großgezogen, die sie, ebenso wie die Enkel, stolz machen und dankbar. Fritz Hanselmann war vor allem als liebevoller Papa in Erinnerung, der immer unterwegs war, der für alle Zeit hatte – der für den Kohlenhändler am Bahnhof in Rot am See die Kohlen geholt und dem Nachbarn beim Holzrücken im Wald geholfen hat. Es waren die guten Erinnerungen, die sie zugelassen hat.

An die Gräueltaten der Nazis erinnern und zur Versöhnung aufrufen: Das steht hinter dem Marsch des Lebens, den Lutz Huschmann organisiert hat.

Lebendige Erinnerung

Mittlerweile aber denkt sie viel mehr an die Vergangenheit, und jetzt sind es auch die anderen Erlebnisse, die präsent sind – der Herzschmerz der Familien Hanselmann, Gackstatter und Wolfmeyer ebenso wie die wenige Tage später über die gesamte Dorfgemeinschaft hereinbrechende Katastrophe, die Zerstörung Brettheims, die kaum ein Haus, kaum eine Familie verschont hat.

1980 hat der damalige Ortsvorsteher Fritz Braun die erste Gedenkstunde initiiert; er wurde später auch erster Vorsitzender des Fördervereins der 1992 eingeweihten Erinnerungsstätte. Es gab Lehrerseminare der Landeszentrale für politische Bildung, und der Rothenburger Lehrer Thilo Pohle hat mit zwei Filmen zu diesem Thema endgültig dafür gesorgt, dass die „Männer von Brettheim“ verankert sind im kollektiven Gedächtnis Hohenlohes. „Ich bin sehr froh, sehr dankbar, dass Brettheim meinen Vater so in Erinnerung behält“, sagt Elise Krauß; auch das Museum, die eigentliche Erinnerungsstätte, sei dem Ort hoch anzurechnen, ebenso die neu eingefasste und geschmückte Grabstätte.

Heute wird auch Elise Krauß wieder in der Dämmerung unter den beiden Linden stehen, an denen am 10. April 1945 die Männer von Brettheim – und damit ihr Vater – aufgehängt wurden. Wird Reden und Musik hören, wird das Schattenspiel der Fackeln beobachten und sich erinnern.

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Info

Die Gedenkfeier für Friedrich Hanselmann, Leonhard Gackstatter und Leonhard Wolfmeyer beginnt heute um 20 Uhr am Friedhof in Brettheim.